Modulseite

Lektion 1 von 9

Vom Nutzer zum Betreiber: das passende DBMS wählen

Du ordnest MariaDB, PostgreSQL, MySQL und SQL Server nach Lizenz, Support und Plattform ein und begründest eine Auswahl mit Muss-Kriterien und Nutzwertanalyse.

ca. 40 Min.0/5 Checks gelöst

Worum es geht

Bis jetzt hast du Datenbanken vor allem benutzt: Tabellen angelegt, Daten abgefragt, vielleicht einen JOIN gebaut, der beim dritten Versuch endlich lief. Ab jetzt stehst du auf der anderen Seite der Theke. Du bist dafür verantwortlich, dass der Datenbankserver läuft, schnell genug ist, nur die Richtigen hineinlässt und nach einem Unfall wieder auf die Beine kommt.

Genau so geht es Aylin. Sie ist im 2. Lehrjahr als Informatikerin Plattformentwicklung bei der Logistik Frei AG in Schlieren. Die Lagerverwaltung, mit der 150 Mitarbeitende jeden Tag Paletten ein- und auslagern, läuft auf MySQL 5.7 auf einem alten Windows-Server. Für MySQL 5.7 gibt es seit Oktober 2023 keine Updates mehr: Jede neu entdeckte Sicherheitslücke bleibt offen. Ihr Berufsbildner sagt: "Wir bauen einen neuen Server. Du machst den Vorschlag, welches System wir nehmen, und begründest ihn so, dass die Geschäftsleitung ihn versteht."

Diese Entscheidung prägt die nächsten Jahre: welche Updates kommen, welche Backup-Werkzeuge du hast, was der Betrieb kostet und wer den Server im Notfall versteht. In dieser Lektion lernst du, die wichtigsten Systeme einzuordnen und eine Auswahl nachvollziehbar zu begründen.

Was "eine Datenbank betreiben" bedeutet

Stell dir einen Datenbankserver wie ein Lagerhaus vor. Die Anwendung ist die Kundin, die Ware einlagert und abholt. Du bist die Lagerleitung: Du entscheidest, wie gross die Halle ist, wer einen Schlüssel bekommt, wie oft Inventur gemacht wird und was passiert, wenn es brennt.

Übersetzt in die Fachsprache gehören zum Betrieb sechs Aufgaben:

AufgabeFrage, die du beantworten musst
VerfügbarkeitLäuft der Dienst, auch nach einem Neustart?
SicherheitWer darf von wo mit welchen Rechten zugreifen?
SicherungKann ich nach einem Fehler die Daten zurückholen, und wie schnell?
LeistungReichen Arbeitsspeicher, Disk und Indizes für die Last?
AktualitätBekommt das System Sicherheitsupdates?
DokumentationKann jemand anderes den Server ohne mich betreuen?

Dazu brauchst du ein paar Begriffe, die in jedem System etwas anders heissen:

  • DBMS (Datenbankmanagementsystem): die Software, zum Beispiel MariaDB, PostgreSQL oder Microsoft SQL Server.
  • Instanz: ein laufender Serverprozess mit eigener Konfiguration, eigenem Port und eigenen Datendateien. Auf einer Maschine können mehrere Instanzen laufen.
  • Datenbank: eine logische Sammlung von Tabellen innerhalb einer Instanz, zum Beispiel lager.
  • Schema: ein Namensraum für Tabellen. In MariaDB und MySQL sind Datenbank und Schema dasselbe. In PostgreSQL und SQL Server ist das Schema eine Ebene unter der Datenbank (public beziehungsweise dbo).
MariaDB / MySQLPostgreSQLSQL Server
Instanz heisstServer (Prozess mariadbd)ClusterInstanz (Standard oder benannt)
Schemaidentisch mit DatenbankEbene in der Datenbank, Standard publicEbene in der Datenbank, Standard dbo
Standardport330654321433
Admin-Konto nach Installationrootpostgressa oder Windows-Administratoren
Typischer Clientmariadb, DBeaverpsql, pgAdmin, DBeaverSSMS, sqlcmd
Check 1 · ZuordnenEinstieg

Ordne jedem Begriff die passende Beschreibung zu.

Die Kandidaten im Vergleich

Im Schweizer KMU-Alltag begegnen dir vor allem vier Systeme:

MariaDBPostgreSQLMySQLSQL Server
LizenzGPLv2, kostenlosPostgreSQL-Lizenz (sehr freizügig), kostenlosCommunity-Edition GPLv2; Enterprise-Edition kostenpflichtig (Oracle)proprietär; Express und Developer kostenlos, Standard und Enterprise kostenpflichtig
PlattformLinux, WindowsLinux, Windows, macOSLinux, WindowsWindows, Linux
Herkunft, StärkeAbzweigung von MySQL, in Debian als Standard enthaltensehr standardnah, viele Erweiterungenweit verbreitet bei WebanwendungenIntegration in Windows und Active Directory, Werkzeuge wie SSMS
Versionen und SupportLTS-Versionen mit mehrjährigem Support, z.B. 10.11 bis Februar 2028jedes Jahr eine Hauptversion, jede wird fünf Jahre gepflegtLTS-Linie 8.4; 8.0 hat im April 2026 das Support-Ende erreichtHauptversionen wie 2019 und 2022, Updates als kumulative Updates (CU)

LTS heisst Long Term Support: Der Hersteller liefert über Jahre Sicherheits- und Fehlerkorrekturen, ohne neue Funktionen einzubauen. Genau das willst du für einen Server, der lange stabil laufen soll. Nach dem Support-Ende (End of Life, EOL) kommen keine Korrekturen mehr, wie bei MySQL 5.7 auf Aylins altem Server.

Lizenzierung: was sicher gilt

Bei Open-Source-Systemen (MariaDB, PostgreSQL, MySQL Community) zahlst du für den Betrieb keine Lizenzgebühren. Die GPL stellt Pflichten vor allem dann, wenn du die Software selbst weiterverbreitest, nicht wenn du intern einen Server betreibst. Kosten entstehen trotzdem: Arbeitszeit, Know-how und auf Wunsch kommerzielle Supportverträge.

Bei SQL Server wählst du eine Edition:

  • Express: kostenlos und auch produktiv erlaubt, aber stark begrenzt. In SQL Server 2022 darf eine Datenbank höchstens 10 GB gross sein, die Engine nutzt höchstens einen Prozessorsockel oder vier Kerne (das Kleinere) und nur rund 1,4 GB Arbeitsspeicher für den Buffer Pool. Der SQL Server Agent für geplante Aufträge fehlt. Neuere Versionen haben einzelne Grenzen angehoben, prüfe darum immer die Editionsübersicht deiner Version.
  • Developer: alle Funktionen, aber nur für Entwicklung und Test. Produktiv eingesetzt ist das ein Lizenzverstoss.
  • Standard und Enterprise: kostenpflichtig. Lizenziert wird pro Prozessorkern (Core-Lizenzen in 2er-Paketen, mindestens 4 Kerne pro Prozessor beziehungsweise pro VM), bei Standard alternativ als Server-Lizenz plus Zugriffslizenzen (CAL) für jede Person oder jedes Gerät.
Check 2 · Mehrere AntwortenFortgeschritten

Welche Aussagen zur Lizenzierung von SQL Server stimmen?

Wähle alle zutreffenden Antworten.

Muss-Kriterien zuerst, dann gewichten

Denk an eine Wohnungssuche mit Muss-Kriterien: höchstens CHF 1'600 Miete, Haustiere erlaubt. Eine Wohnung, die eines davon nicht erfüllt, fällt raus, egal wie schön der Balkon ist. Erst unter den übrigen vergleichst du Lage, Licht und Grösse, gewichtet nach dem, was dir wichtig ist.

Bei der DBMS-Wahl ist es genauso:

Muss-Kriterien (K.-o.-Kriterien) sind zum Beispiel:

  • Die Herstellervorgabe der Anwendung: Welche DBMS und welche exakten Versionen unterstützt der Softwarehersteller? Läuft die Anwendung auf einer nicht unterstützten Kombination, verweigert er im Fehlerfall den Support.
  • Die Plattformstrategie des Betriebs: Werden neue Server unter Linux oder unter Windows betrieben?
  • Harte technische Grenzen: Passt die Datenmenge in die Edition?

Kann-Kriterien mit Gewichtung sind zum Beispiel Know-how im Team, Support-Dauer der Version, Integration in die Paketquelle, Werkzeuge für Backup und Monitoring sowie Lizenzkosten.

Die Nutzwertanalyse verbindet beides:

  1. Kandidaten mit nicht erfüllten Muss-Kriterien streichen.
  2. Kann-Kriterien festlegen und gewichten, Summe 100 Prozent.
  3. Jeden Kandidaten pro Kriterium benoten, hier von 1 (schlecht) bis 5 (sehr gut), und jede Note in einem Satz begründen.
  4. Teilnutzen = Gewicht mal Note. Nutzwert = Summe der Teilnutzen.
  5. Prüfen, ob das Ergebnis stabil bleibt, wenn du die Gewichte etwas verschiebst.
Check 3 · Eine AntwortEinstieg

Eine Gemeinde führt eine Software für die Raumreservation ein. Der Hersteller unterstützt MariaDB 10.11 und SQL Server ab 2019. Das IT-Team kennt PostgreSQL am besten und findet es technisch am elegantesten. Wie gehst du in der Nutzwertanalyse mit PostgreSQL um?

Schritt für Schritt: Aylins Entscheidungsgrundlage

Schritt 1: Anforderungen sammeln. Aylin spricht mit dem Lagerchef, liest die Systemanforderungen des Softwareherstellers und schaut die Plattformstrategie der IT an.

AnforderungWert
Datenmenge heute40 GB
Gleichzeitige Benutzerbis 60
PlattformLinux, die IT betreibt bereits Debian-Server
Herstellervorgabe"MySQL 8 oder MariaDB 10.11"

Schritt 2: Muss-Kriterien anwenden. PostgreSQL und SQL Server stehen nicht in der Herstellervorgabe und fallen weg. SQL Server Express wäre ohnehin ausgeschieden: 40 GB Daten passen nicht in eine Datenbank mit 10 GB Grenze. Bei "MySQL 8" fragt Aylin nach, denn 8.0 hat das Support-Ende erreicht. Der Hersteller bestätigt schriftlich, dass die LTS-Version 8.4 unterstützt ist. Es bleiben MariaDB 10.11 und MySQL 8.4.

Schritt 3: Kriterien gewichten. Know-how bekommt das grösste Gewicht, weil das Team klein ist und im Notfall schnell handeln muss.

Schritt 4: Benoten und rechnen.

KriteriumGewichtMariaDB 10.11TeilnutzenMySQL 8.4Teilnutzen
Know-how im Team30 %41,2041,20
Support-Dauer der Version20 %30,6051,00
Paketquelle Debian 1220 %51,0030,60
Backup-Werkzeuge15 %50,7530,45
Lizenz und Herstellerunabhängigkeit15 %50,7540,60
Nutzwert100 %4,303,85

Die Begründungen: Beide Systeme bedient das Team fast gleich. MariaDB 10.11 hat Support bis Februar 2028, MySQL 8.4 länger. MariaDB 10.11 ist im Debian-12-Repository enthalten und bekommt Updates über Debian, MySQL braucht das Repository von Oracle. mariadb-backup für physische Online-Backups ist dabei, das Pendant von Oracle gibt es nur in der kostenpflichtigen Enterprise-Edition, wie einzelne weitere Funktionen.

Schritt 5: Ergebnis prüfen. Was, wenn die Geschäftsleitung die Support-Dauer wichtiger findet? Aylin rechnet mit Support 35 % und Know-how 15 %: MariaDB kommt auf 4,15, MySQL auf 4,00. Das Ergebnis bleibt stabil.

Schritt 6: Empfehlung formulieren.

Text
Empfehlung: MariaDB 10.11 LTS auf Debian 12.
Begründung: erfüllt die Herstellervorgabe, höchster Nutzwert (4,30 zu 3,85),
Updates direkt über Debian, physische Backups ohne Zusatzlizenz.
Risiko: Support für 10.11 endet im Februar 2028. Massnahme: Upgrade auf die
nächste vom Hersteller freigegebene LTS-Version im Jahr 2027 einplanen.
Check 4 · BerechnenFortgeschritten

Gewichte einer Nutzwertanalyse: Know-how 40 %, Support-Dauer 25 %, Werkzeuge 20 %, Lizenzkosten 15 %. PostgreSQL erhält in dieser Reihenfolge die Noten 3, 5, 4 und 5 (Skala 1 bis 5). Wie gross ist der Nutzwert?

Im Code-Labor programmierst du diese Nutzwertanalyse mit Muss-Kriterien selbst:

Check 5 · Code-LaborFortgeschritten

Code-Labor: Nutzwertanalyse mit Muss-Kriterien

Programmiere die Rechnung aus Aylins Entscheidungsgrundlage:

  • nutzwert(noten, gewichte) berechnet Summe aus Gewicht mal Note geteilt durch 100, gerundet auf 2 Stellen. Ergeben die Gewichte zusammen nicht 100, löst die Funktion einen ValueError aus.
  • rangliste(kandidaten, gewichte) streicht zuerst alle Kandidaten, die ein Muss-Kriterium verletzen (muss_erfuellt ist False), und gibt die übrigen als Liste von Tupeln (name, nutzwert) zurück, der höchste Nutzwert zuerst.

Beispiel aus der Lektion: MariaDB 10.11 erreicht 4,3, MySQL 8.4 erreicht 3,85.

Code-Labor · Python
Strg + Enter

Typische Fehler

  1. Nach Vorliebe statt nach Herstellervorgabe wählen. "PostgreSQL ist moderner" hilft nichts, wenn die Fachanwendung es nicht unterstützt. Korrektur: Support-Matrix des Herstellers als erstes Muss-Kriterium.
  2. "Kostenlos" mit "keine Kosten" verwechseln. Open Source spart Lizenzgebühren, nicht die Arbeitszeit für den Betrieb. Korrektur: Know-how und Aufwand als Kriterium bewerten.
  3. Developer-Edition produktiv einsetzen. Sie ist technisch identisch mit Enterprise, aber nur für Entwicklung und Test lizenziert. Korrektur: Für den produktiven Einsatz Express (wenn die Grenzen reichen), Standard oder Enterprise.
  4. Das Support-Ende übersehen. Korrektur: Support-Ende bewerten und das Upgrade in der Empfehlung terminieren.
  5. Gewichte anpassen, bis der Favorit gewinnt. Korrektur: Gewichte vor dem Benoten festlegen und eine Stabilitätsprüfung zeigen.

Zusammenfassung

  • Als Betreiberin bist du verantwortlich für Verfügbarkeit, Sicherheit, Sicherung, Leistung, Aktualität und Dokumentation.
  • Instanz, Datenbank und Schema bedeuten je nach System leicht Unterschiedliches. Die Standardports sind 3306, 5432 und 1433.
  • Open-Source-Systeme kosten keine Lizenzgebühren, aber Betriebsaufwand. SQL Server kennt Express (kostenlos, begrenzt), Developer (nur Test), Standard und Enterprise (pro Kern oder Server plus CAL).
  • LTS-Versionen und das Support-Ende gehören in jede Auswahl.
  • Muss-Kriterien filtern, gewichtete Kann-Kriterien entscheiden. Nutzwert = Summe aus Gewicht mal Note.
  • Eine gute Empfehlung nennt Ergebnis, Begründung, Risiko und Massnahme.

Mit deiner eigenen KI vertiefen

Kopiere einen Prompt in Claude, ChatGPT oder Claude Code. Er macht die KI zur Lernbegleitung statt zum Lösungsautomaten.

Entscheidungsgrundlage sokratisch prüfen lassen Chat-KI

Wenn du eine Nutzwertanalyse für ein DBMS geschrieben hast und wissen willst, ob sie einer kritischen Rückfrage standhält. Die KI fragt nach, statt die Analyse für dich zu schreiben.