Lektion 1 von 9
Vom Briefing zum Re-Briefing
Du zerlegst ein Kundenbriefing in seine Bausteine, stellst gezielte Rückfragen, schreibst ein Re-Briefing auf einer A4-Seite und zeigst bei widersprüchlichen Wünschen Varianten mit Folgen auf.
Worum es geht
Montagmorgen in der Medienagentur Lindenhof AG in Wil SG. Lara, Mediamatikerin im 1. Lehrjahr, öffnet ihr Postfach. Die Hofmolkerei Thurtal schreibt:
Betreff: Neue Joghurts
Hallo zusammen. Wir bringen eine neue Joghurtlinie raus. Wir brauchen
Bilder und ein Video. Lancierung ist am 1. März. Gruss, R. BrunnerDrei Zeilen. Lara könnte sofort losplanen: ein paar schöne Produktbilder, ein Video im Querformat, fertig. Zwei Wochen später zeigt die Kundin das Resultat ihrem Geschäftsführer, und der fragt: «Wo ist das Reel für Instagram? Und warum sind keine Bilder für das Plakat dabei?» Jetzt muss neu gedreht werden, und niemand will die Mehrkosten bezahlen.
Die meisten Probleme einer Medienproduktion entstehen nicht am Drehtag, sondern im ersten Gespräch. Wer ein Briefing sauber liest, gezielt nachfragt und das Ergebnis schriftlich bestätigen lässt, spart sich Diskussionen, Nachdrehs und Ärger. Genau das lernst du in dieser Lektion. Sie ist der Startpunkt für alles Weitere in diesem Modul, denn Format, Drehplan, Kosten und Rechte hängen alle davon ab, was die Kundschaft wirklich braucht.
So sieht der Weg aus, den du im ganzen Modul gehst. Dieses Modul deckt die Vorproduktion ab, also alles, bevor die Kamera läuft:
Am Ende steht ein Produktionsdossier: Eine Mappe, mit der auch jemand anderes die Produktion durchführen könnte.
Was in ein Briefing gehört
Ein Briefing ist die Auftragsbeschreibung der Kundschaft. Manchmal ist es ein sauberes Formular, meistens eine kurze Mail oder ein Telefonat. Deine Aufgabe ist, es in feste Bausteine zu zerlegen. Stell dir das wie ein Rezept vor: Wenn die Zutatenliste unvollständig ist, merkst du es besser vor dem Einkaufen als beim Kochen.
| Baustein | Leitfrage | Beispiel Molkerei |
|---|---|---|
| Ziel (Kommunikationsziel) | Was soll nach der Massnahme anders sein? | Neue Joghurtlinie bekannt machen, Verkauf im Hofladen und Onlineshop steigern |
| Zielgruppe | Wen wollen wir erreichen? | Familien und Genussmenschen in der Ostschweiz, 30 bis 55 Jahre |
| Botschaft | Was soll man sich merken? | «Joghurt direkt vom Hof, nur drei Zutaten» |
| Kanal | Wo erscheint das Resultat? | Instagram, Webshop, Plakat, Bildschirm im Hofladen |
| Umfang (Deliverables) | Was genau wird geliefert? | Anzahl Bilder, Videolänge, Versionen |
| Termin | Bis wann, mit welchen Zwischenschritten? | Lancierung 1. März |
| Budget | Wie viel darf es kosten, exkl. oder inkl. MWST? | offen |
| Stil und Vorgaben | Corporate Design, Tonalität, Vorbilder | Logo, Hausfarben, natürlich statt Hochglanz |
| Rahmenbedingungen | Orte, Personen, Produkte, Zeitfenster | Abfüllanlage, Mitarbeitende im Bild? |
| Abnahme | Wer entscheidet, wie viele Korrekturrunden? | offen |
Mit dieser Tabelle siehst du sofort, wo die Lücken sind. In Laras Mail ist der Termin klar, Ziel und Inhalt nur grob, alles andere fehlt.
Ein Fitnesscenter in Chur schreibt: «Wir eröffnen am 15. April unser neues Studio und brauchen dafür ein Video für Instagram. Es soll zeigen, wie modern alles ist.»
Welche Briefing-Bausteine fehlen in dieser Mail ganz? Wähle alle zutreffenden.
Wähle alle zutreffenden Antworten.
Gute Rückfragen stellen
Fehlende Angaben ergänzt du nicht durch Raten, sondern durch Rückfragen. Der Unterschied zwischen einer schwachen und einer starken Rückfrage ist gross:
| Schwach | Stark |
|---|---|
| «Was genau stellen Sie sich vor?» | «Soll das Video als Reel im Hochformat 9:16 auf Instagram laufen, als Querformat 16:9 auf der Website oder beides?» |
| «Wie viele Bilder brauchen Sie?» | «Wir rechnen mit einem Bild pro Sorte für den Onlineshop, also sechs, plus zwei Stimmungsbilder. Passt das?» |
| «Haben Sie ein Budget?» | «Gibt es ein Kostendach? Bitte sagen Sie uns, ob es exkl. oder inkl. MWST gilt.» |
| «Sind Leute im Video?» | «Sollen Mitarbeitende der Molkerei im Bild sein? Dann brauchen wir vor dem Dreh ihre schriftliche Einwilligung.» |
Starke Rückfragen haben vier Eigenschaften:
- Konkret: Sie nennen Optionen oder Zahlen, statt offen ins Blaue zu fragen.
- Begründet: Die Kundschaft versteht, warum die Antwort wichtig ist (Format, Kosten, Recht).
- Mit Vorschlag: Wo du eine sinnvolle Annahme hast, schlägst du sie vor. Die Kundin muss nur noch Ja oder Nein sagen.
- Gebündelt und nummeriert: Fünf bis acht Fragen in einer Mail, nach Wichtigkeit sortiert. So kann die Kundschaft mit «zu 3: ja» antworten.
Welche Rückfrage an die Hofmolkerei ist am besten formuliert?
Das Re-Briefing: eine Seite, die alle bestätigen
Ein Re-Briefing ist deine Zusammenfassung des Auftrags in eigenen Worten. Du schickst es der Kundschaft und lässt es bestätigen. Damit wird sichtbar, ob ihr dasselbe meint, und zwar jetzt, nicht erst bei der Abnahme.
Ein gutes Re-Briefing passt auf eine A4-Seite und hat diese Teile:
- Ausgangslage: zwei bis drei Sätze, worum es geht
- Ziel, Zielgruppe, Botschaft
- Lieferumfang als Tabelle: Produkt, Kanal, Format, Anzahl oder Länge
- Termine: Drehtag, erste Version, Abnahme, Veröffentlichung
- Budget: mit Hinweis exkl. oder inkl. MWST
- Rahmenbedingungen: Orte, Personen, Zeitfenster, Vorgaben
- Nicht im Auftrag: was ausdrücklich nicht dazugehört
- Offene Punkte und Abnahme: wer entscheidet, wie viele Korrekturrunden
Bring die Schritte vom ersten Kundenkontakt bis zum Start der eigentlichen Planung in die richtige Reihenfolge.
- 1
Spezifikation, Shotlist und Drehplan auf Basis des bestätigten Re-Briefings erstellen
- 2
Fehlende und unklare Angaben im Raster festhalten
- 3
Nummerierte Rückfragen schicken oder ein Telefonat führen
- 4
Anfrage lesen und vorhandene Angaben markieren
- 5
Antworten in einem Re-Briefing auf einer A4-Seite zusammenfassen
- 6
Re-Briefing von der Kundschaft schriftlich bestätigen lassen
Wenn Wünsche sich widersprechen
Manchmal ist ein Briefing nicht lückenhaft, sondern widersprüchlich. Typische Beispiele:
- «Ganz natürlich und authentisch» und gleichzeitig «perfekter Hochglanz-Look wie in der TV-Werbung»
- «Ein 20-Sekunden-Video, das alle sechs Sorten, den Hof, die Familie und ein Rezept zeigt»
- «Budget CHF 2000, aber bitte mit Drohne und Schauspielerin»
Hier hilft weder Raten noch einfach Nein sagen. Professionell gehst du so vor: Du benennst den Widerspruch freundlich, zeigst zwei bis drei Varianten mit ihren Folgen und gibst eine begründete Empfehlung. Entscheiden muss die Kundschaft.
| Variante | Inhalt | Folge für Aufwand | Folge für Wirkung |
|---|---|---|---|
| A | Ein 20-Sekunden-Video mit allen sechs Sorten | wenig Mehraufwand | pro Sorte gut 3 Sekunden, wirkt hektisch |
| B | Ein Hauptvideo mit Hof und Familie, dazu sechs kurze 6-Sekunden-Clips pro Sorte | rund ein halber Drehtag mehr | klare Botschaft, Clips als Serie im Feed nutzbar |
| C | Hauptvideo mit drei Sorten, die übrigen nur als Fotos | kein Mehraufwand | ruhig erzählt, aber drei Sorten fehlen im Video |
Empfehlung: Variante B, weil die Kampagne mehrere Wochen läuft und die Clips regelmässig neuen Inhalt liefern. Wenn das Budget nicht reicht, ist C der beste Kompromiss.
Schritt für Schritt: Die Molkerei-Mail zum Re-Briefing
Lara geht die drei Zeilen der Hofmolkerei systematisch durch.
Schritt 1: Markieren, was da ist. Produkt: neue Joghurtlinie. Leistung: Bilder und ein Video. Termin: Lancierung 1. März. Absender: R. Brunner, Funktion unbekannt.
Schritt 2: Raster ausfüllen. Ziel nur grob, Zielgruppe fehlt, Botschaft fehlt, Kanal fehlt, Umfang fehlt, Budget fehlt, Abnahme fehlt. Von zehn Bausteinen ist einer ganz und einer teilweise vorhanden.
Schritt 3: Rückfragen formulieren. Lara schreibt sieben nummerierte Fragen:
- Wo sollen Bilder und Video erscheinen (Instagram Feed und Reel, Webshop, Plakat, Bildschirm im Hofladen)?
- Wie viele Sorten gibt es, und braucht der Webshop ein Bild pro Sorte?
- Wie lang soll das Video sein? Wir schlagen 15 bis 20 Sekunden für Social Media vor.
- Sollen Mitarbeitende oder Kundschaft im Bild sein?
- Gibt es ein Kostendach, und gilt es exkl. oder inkl. MWST?
- Bis wann brauchen Sie die erste Version zur Ansicht?
- Wer gibt die Resultate frei?
Schritt 4: Telefonat. Frau Brunner ist Marketingverantwortliche und beantwortet alles in 20 Minuten: 12 Produktbilder für Onlineshop und Plakat, ein 20-Sekunden-Video für Instagram und den Bildschirm im Hofladen, Budget CHF 3800 exkl. MWST, zwei Mitarbeitende dürfen im Video sein, Freigabe durch sie und den Geschäftsführer.
Schritt 5: Re-Briefing schreiben. Ein Auszug:
Re-Briefing Hofmolkerei Thurtal, Joghurt-Lancierung (Version 1, 12.01.)
Ziel: Neue Joghurtlinie bekannt machen, Verkauf Hofladen und Webshop
Zielgruppe: Familien und Genussmenschen in der Ostschweiz, 30 bis 55
Botschaft: Joghurt direkt vom Hof, nur drei Zutaten
Lieferung: 12 Produktbilder (Webshop, Plakat)
1 Video 20 s (Instagram Reel 9:16, Bildschirm Hofladen 16:9)
Termine: Drehtag 10.02., erste Version 17.02., Abnahme 24.02.
Budget: CHF 3800 exkl. MWST
Nicht im Auftrag: Drohnenaufnahmen, Untertitel, Plakatgestaltung
Abnahme: R. Brunner und Geschäftsführung, 2 Korrekturrunden
Offen: Musikwunsch des GeschäftsführersSchritt 6: Bestätigen lassen. Lara schickt die Seite mit der Bitte: «Bitte bestätigen Sie uns bis Freitag per Mail, dass wir den Auftrag richtig verstanden haben.» Erst nach der Bestätigung beginnt die eigentliche Planung.
Jetzt bist du dran: Bring Python bei, ein Briefing auf Lücken zu prüfen. Wenn du die Prüfung programmieren kannst, hast du das Raster wirklich im Kopf.
Code-Labor: Briefing-Schnellcheck
Für einen ersten Schnellcheck prüfst du sechs Pflichtfelder: Ziel, Zielgruppe, Botschaft, Kanal, Termin und Budget. Ein Briefing liegt als Python-Dictionary vor, zum Beispiel:
{"termin": "1. März", "kanal": "", "ziel": None, "produkt": "Joghurt"}Schreibe zwei Funktionen:
fehlende_angaben(briefing)gibt die Pflichtfelder zurück, die fehlen oder leer sind, in der Reihenfolge vonPFLICHTFELDER. Als leer gilt: Schlüssel fehlt, Wert istNoneoder ein Text, der nur aus Leerzeichen besteht.vollstaendigkeit(briefing)gibt den Anteil der vorhandenen Pflichtfelder in Prozent zurück, gerundet auf eine ganze Zahl.
Aus der Liste der fehlenden Felder entstehen danach deine Rückfragen.
Typische Fehler
- Das Briefing für vollständig halten. Eine Mail mit Termin und Produkt wirkt klar, enthält aber oft weder Kanal noch Umfang. Prüfe immer alle Bausteine des Rasters, auch wenn die Kundschaft sicher klingt.
- Offene Allerweltsfragen stellen. «Was stellen Sie sich vor?» erzeugt lange, unklare Antworten. Frag mit Optionen und Zahlen.
- Mündliche Absprachen nicht festhalten. Nach dem Telefonat erinnert sich jede Seite anders. Das Re-Briefing ist dein schriftlicher Beleg.
- Budget ohne MWST-Angabe übernehmen. CHF 3800 exkl. oder inkl. MWST sind ein Unterschied von über CHF 300. Frag nach.
- Widersprüche selbst entscheiden. Wenn du still eine Variante wählst, trägst du das Risiko. Zeig Varianten mit Folgen und lass die Kundschaft entscheiden.
Zusammenfassung
- Die meisten Produktionsprobleme entstehen im ersten Gespräch, nicht am Drehtag.
- Zerlege jedes Briefing in Ziel, Zielgruppe, Botschaft, Kanal, Umfang, Termin, Budget, Stil, Rahmenbedingungen und Abnahme.
- Gute Rückfragen sind konkret, begründet, mit Vorschlag, gebündelt und nummeriert.
- Das Re-Briefing fasst den Auftrag auf einer A4-Seite zusammen, inklusive «Nicht im Auftrag», und wird von der Kundschaft schriftlich bestätigt.
- Bei widersprüchlichen Wünschen zeigst du Varianten mit Folgen für Aufwand und Wirkung und gibst eine begründete Empfehlung.
- Erst das bestätigte Re-Briefing ist die Grundlage für Spezifikation, Drehplan, Kosten und Rechte.
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Rollenspiel: unklares Kundenbriefing Chat-KI
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