Lektion 1 von 9
Rundgang: Was ein kleines Büronetz braucht
Du erkennst die Bausteine eines kleinen Netzes vor Ort, entscheidest zwischen Kabel und WLAN, stellst die richtigen Fragen und zeichnest eine erste Netzwerkskizze.
Worum es geht
Montagmorgen, 8 Uhr. Jana, im 1. Lehrjahr als ICT-Fachfrau bei der Netzwerkservice Seeland GmbH in Biel, fährt mit ihrem Berufsbildner Reto nach Lyss. Die Velowerkstatt Pedalwerk zieht in einen grösseren Laden mit Werkstatt und Wartezone. Die Inhaberin, Corinne Gerber, begrüsst die beiden zwischen Velorahmen und Umzugskartons und sagt einen Satz, den du in deinem Berufsleben noch oft hören wirst:
«Ich will einfach, dass alles läuft. Kasse, Drucker, Internet. Und die Leute in der Wartezone sollen surfen können.»
Das ist kein technischer Auftrag, sondern ein Wunsch. Deine Aufgabe ist es, daraus einen Plan zu machen: Welche Geräte gibt es, wo stehen sie, wie werden sie angeschlossen, wer darf mit wem sprechen? Wer diesen Schritt überspringt und gleich Kabel einsteckt, merkt am Eröffnungstag, dass der Switch zu wenig Ports hat, der Access Point an der Decke keinen Strom bekommt oder die Kundschaft im Gäste-WLAN plötzlich das NAS mit den Rechnungen sieht.
In dieser Lektion machst du mit Jana den Rundgang. Du lernst die Bausteine eines kleinen Büronetzes so kennen, wie du sie vor Ort antriffst, du stellst die richtigen Fragen und du zeichnest eine erste Netzwerkskizze. Das ist der Grundstein für alles, was in diesem Kurs folgt.
Die Bausteine, die du vor Ort antriffst
Stell dir das Netz wie die Wasserversorgung eines Hauses vor. Am Hausanschluss kommt das Wasser von aussen herein, ein Verteiler bringt es in die einzelnen Räume, und dort hängen die Wasserhähne. Beim Netz ist es ähnlich:
| Baustein | Wo du ihn findest | Was er macht |
|---|---|---|
| Glasfaser-Anschluss (OTO-Dose) | Meist im Keller oder Technikraum, kleine Dose mit Glasfaserstecker | Übergabepunkt des Providers, hier kommt das Internet ins Haus |
| Provider-Router | Direkt neben der OTO-Dose | Stellt die Internetverbindung her, hat oft eigenes WLAN |
| Firmenrouter (Gateway) | Im Netzwerkschrank | Verbindet das Firmennetz mit dem Internet, verteilt Adressen per DHCP, trennt Firmen- und Gästenetz |
| Switch | Im Netzwerkschrank | Verteiler für alle Kabelgeräte, leitet Daten gezielt an den richtigen Port |
| Patchpanel | Im Netzwerkschrank, oberhalb des Switches | Hier enden die fest in der Wand verlegten Kabel, jede Dose hat einen nummerierten Port |
| Netzwerkdose | In den Räumen an der Wand oder im Bodenkanal | Anschluss für Arbeitsplätze, Kasse, Drucker oder Access Point |
| Access Point | An der Decke oder hoch an der Wand | Stellt das WLAN bereit und bringt Laptops, Tablets und Handys ins Netz |
| Endgeräte | Überall | Kassen-PCs, Laptop, Tablet, Multifunktionsdrucker (MFP), NAS |
Bei Pedalwerk gibt es eine Besonderheit, die dir in kleinen Betrieben oft begegnet: Der Provider-Router könnte zwar selbst ein Gäste-WLAN ausstrahlen, aber nur über seine eigene Antenne im Technikraum. In der Wartezone wäre der Empfang schlecht. Das Gäste-WLAN soll deshalb über einen Access Point an der Decke laufen, und dafür braucht es einen Router, der Firmen- und Gästenetz sauber trennen kann. Die Netzwerkservice Seeland setzt deshalb einen kleinen Firmenrouter hinter den Provider-Router. Wie diese Trennung genau funktioniert, lernst du in Lektion 6.
Ordne jedem Baustein eines kleinen Büronetzes seine Aufgabe zu.
Kabel oder WLAN?
Jana steht im Laden und fragt sich bei jedem Gerät: Kabel oder Funk? Die Faustregel ist einfach:
- Kabel für alles, was fest steht und zuverlässig funktionieren muss: Kassen, Drucker, NAS, Access Points und feste Arbeitsplätze. Ein Kabel ist schneller, stabiler und nicht von Wänden oder Mikrowellen abhängig.
- WLAN für alles, was sich bewegt: Laptops unterwegs, Handys, das Tablet, wenn es durch die Werkstatt getragen wird, und natürlich die Geräte der Kundschaft.
Bei Pedalwerk ergibt das folgende Liste:
| Gerät | Raum | Anschluss | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Kassen-PC 1 | Laden | Kabel, Dose D01 | Muss beim Bezahlen immer funktionieren |
| Kassen-PC 2 | Laden | Kabel, Dose D02 | Zweite Kasse am Samstag |
| Büro-Laptop | Büro | Kabel über Dockingstation, D03, unterwegs WLAN | Inhaberin |
| Werkstatt-Tablet | Werkstatt | Kabel über Dockingstation, D04, sonst WLAN | Reparaturaufträge |
| Multifunktionsdrucker | Büro | Kabel, D05 | Drucken und Scannen |
| Access Point | Decke Wartezone | Kabel, D06, Strom per PoE | WLAN für Team und Gäste |
| NAS | Netzwerkschrank | Kabel direkt am Switch | Ablage für Rechnungen und Fotos |
Welche Geräte schliesst Jana bei Pedalwerk sinnvollerweise per Kabel an? (Mehrere Antworten)
Wähle alle zutreffenden Antworten.
Die richtigen Fragen stellen
Kundinnen und Kunden beschreiben selten Technik, sondern ihren Alltag. Gute Fragen übersetzen den Alltag in Anforderungen. Jana hat sich eine kleine Checkliste gemacht:
- Wer arbeitet hier, mit welchen Geräten? Anzahl Personen, PCs, Laptops, Tablets, Handys.
- Welche Spezialgeräte gibt es? Kasse, Kartenterminal, Drucker, Etikettendrucker, Kamera, Zeiterfassung.
- Wo stehen die Geräte? Raum für Raum, mit den vorhandenen Dosen.
- Wer muss wen erreichen, und wer darf es nicht? Die Kasse muss drucken, die Gäste dürfen das NAS nicht sehen.
- Was kommt in den nächsten zwei bis drei Jahren dazu? Zweite Werkstatt, Kamera, weitere Mitarbeitende.
- Bis wann muss es laufen? Eröffnungstermin, Zeitfenster für die Arbeit.
Die vierte Frage ist die wichtigste und wird am häufigsten vergessen. Jana hält die Antworten in einer Erreichbarkeitsmatrix fest. Diese Tabelle brauchst du später beim Testen wieder, denn du prüfst nicht nur, ob Erlaubtes geht, sondern auch, ob Verbotenes wirklich blockiert ist.
| Von / Nach | Internet | MFP (Drucken) | NAS | Kassen |
|---|---|---|---|---|
| Kassen-PCs | ja | ja | ja | ja |
| Büro-Laptop | ja | ja | ja | ja |
| Werkstatt-Tablet | ja | ja | ja, nur Ordner Werkstatt | nicht nötig |
| Gäste-WLAN | ja | nein | nein | nein |
Die harte Grenze verläuft zwischen Firmennetz und Gästenetz: Dort sorgt das Netz selbst dafür, dass nichts durchkommt. Feinere Einschränkungen innerhalb des Firmennetzes, etwa dass das Tablet nur den Werkstatt-Ordner sieht, regelst du über Berechtigungen auf dem NAS.
Corinne Gerber sagt beim Rundgang: «Die Kundschaft soll in der Wartezone surfen können.» Welche Anforderung leitest du daraus für Planung und Test ab?
Die Netzwerkskizze
Eine Netzwerkskizze zeigt auf einen Blick, wie alles zusammenhängt. In der Praxis zeichnest du sie mit draw.io (diagrams.net), das kostenlos im Browser läuft und Symbole für Router, Switch und Access Point mitbringt. Für ein kleines Büro reicht eine Skizze, die diese Fragen beantwortet:
- Welche Geräte gibt es, mit Namen?
- Welches Gerät hängt an welcher Dose und welchem Switchport?
- Wo ist der Übergang ins Internet?
- Welche Netze gibt es (Firma, Gäste)?
Dazu gehören immer Legende, Datum, Version und Autor. Ohne Datum weiss in einem Jahr niemand, ob die Skizze noch stimmt.
So sieht Janas erster Entwurf für Pedalwerk aus:
Die Gerätenamen folgen einem Schema: Kürzel des Kunden (PW für Pedalwerk), Gerätetyp, Nummer. So erkennst du PW-SW01 sofort als ersten Switch bei Pedalwerk, auch in einer Liste mit hundert Einträgen.
Schritt für Schritt: Von der Begehung zur Skizze
Jana arbeitet die Begehung bei Pedalwerk in sieben Schritten ab.
- Räume erfassen. Laden, Werkstatt, Büro, Wartezone, Technikraum. Sie fotografiert jeden Raum und den Netzwerkschrank.
- Dosen finden und provisorisch nummerieren. Sie findet sechs Netzwerkdosen und klebt Malerband mit D01 bis D06 darauf. Die endgültige Beschriftung folgt beim Verkabeln.
- Geräte zählen und zuordnen. Ergebnis ist die Tabelle aus dem Abschnitt «Kabel oder WLAN?». Sieben Geräte hängen am Kabel: sechs über die Dosen, das NAS direkt im Schrank.
- Switchports zählen. Sechs Dosen plus NAS plus Uplink zum Firmenrouter ergibt 8 Ports. Ein 8-Port-Switch wäre am ersten Tag voll. Reto bestellt deshalb einen managed Switch mit 16 Ports und PoE, damit Reserve für eine zweite Werkstatt oder eine Kamera bleibt.
- PoE-Geräte markieren. Nur der Access Point braucht Strom über das Netzwerkkabel. Ohne PoE müsste an der Decke eine Steckdose montiert werden.
- Erreichbarkeitsmatrix ausfüllen. Zusammen mit Corinne Gerber klärt Jana, wer was erreichen darf. Wichtigster Punkt: Gäste nur ins Internet.
- Skizze zeichnen und besprechen. In draw.io entsteht die Skizze von oben. Reto schaut sie an und fragt: «Woher bekommt der Access Point seinen Strom, und was passiert, wenn das Gäste-WLAN im Firmennetz hängt?» Jana kann beide Fragen beantworten, die Skizze bekommt Version 1.0.
Das Zählen der Ports ist eine Aufgabe, die du in jedem Projekt brauchst. Im folgenden Code-Labor schreibst du dafür eine kleine Python-Funktion.
Code-Labor: Wie gross muss der Switch sein?
Bei jeder Begehung zählst du Switchports. Schreibe zwei Funktionen:
ports_benoetigt(geraete, reserve_prozent=25)bekommt eine Liste von Geräten. Jedes Gerät ist ein Dictionary mit"name"und"anschluss"("kabel"oder"wlan"). Nur Kabelgeräte brauchen einen Port. Dazu kommt 1 Port für den Uplink zum Router. Auf diese Summe rechnest du die Reserve in Prozent und rundest die Reserve auf (math.ceil).switch_waehlen(ports)gibt die kleinste Switchgrösse aus[8, 16, 24, 48]zurück, die mindestensportsPorts hat. Reicht keine, gibt sieNonezurück.
Beispiel Pedalwerk: 7 Kabelgeräte + 1 Uplink = 8, Reserve 25 % von 8 = 2, total 10 Ports, also ein 16-Port-Switch.
Typische Fehler
- Den Uplink vergessen. Sechs Dosen und ein NAS sind sieben Geräte, aber der Switch braucht auch eine Verbindung zum Router. Wer den Uplink nicht mitzählt, steht mit einem Port zu wenig da.
- Keine Reserve einplanen. Ein Switch, der am ersten Tag voll ist, zwingt beim nächsten Gerät zu einem zweiten Switch unter dem Tisch. Plane mindestens ein Viertel Reserve.
- Nur nach Erlaubtem fragen. «Was soll funktionieren?» fragt jeder. «Was darf auf keinen Fall gehen?» fragen nur gute Fachleute. Ohne diese Frage gibt es keinen Test für die Gästetrennung.
- Den Strom für den Access Point übersehen. An der Decke gibt es selten eine Steckdose. Ohne PoE-Switch oder PoE-Injektor bleibt der Access Point dunkel.
- Skizze ohne Datum und Version. Nach dem ersten Umbau existieren zwei Skizzen, und niemand weiss, welche gilt.
Zusammenfassung
- Ein kleines Büronetz besteht aus Internetanschluss, Router, Switch, Patchpanel mit Dosen, Access Point und Endgeräten.
- Fest stehende und wichtige Geräte (Kasse, Drucker, NAS, Access Point) kommen ans Kabel, mobile Geräte ins WLAN.
- Bei der Begehung erfasst du Räume, Dosen und Geräte und stellst gezielte Fragen, vor allem: Wer darf wen erreichen und wer nicht?
- Die Antworten hältst du in einer Erreichbarkeitsmatrix fest, die du später beim Testen wieder brauchst.
- Switchports = Kabelgeräte + Uplink + Reserve. PoE-Geräte markierst du separat.
- Die Netzwerkskizze in draw.io zeigt Geräte mit Namen, Dosen, Netze und den Internetübergang, immer mit Legende, Datum, Version und Autor.