Modulseite

Lektion 1 von 9

UX beginnt bei den Menschen: Nutzungskontext und Interviews

Du unterscheidest UI, UX und Usability, klärst den Nutzungskontext einer Anwendung und findest mit Interviews und Beobachtung heraus, was Benutzende wirklich brauchen.

ca. 40 Min.0/4 Checks gelöst

Worum es geht

Jana ist im 2. Lehrjahr bei der Seeblick Software AG in Romanshorn. Ihr neuer Auftrag: Eine regionale Musikschule mit 600 Schülerinnen und Schülern will weg vom vierseitigen Papierformular und Anmeldungen online entgegennehmen. Ein Kollege hat schon einen ersten Entwurf gebaut. Er hat das Papier einfach abgetippt: 28 Felder untereinander auf einer einzigen Seite. Technisch funktioniert alles. Trotzdem ist Janas Berufsbildner skeptisch: «Wer füllt das aus? Wo? Mit welchem Gerät? Und was geht heute schief?» Niemand im Team kann diese Fragen beantworten.

Genau hier beginnt UX. Software scheitert selten daran, dass ein Button nicht klickbar ist. Sie scheitert daran, dass sie an den Menschen vorbei gebaut wurde: Felder, die niemand versteht, Abläufe, die nicht zum Alltag passen, Bildschirme, die am Handy nicht lesbar sind. Die Folgen kosten Geld: Rückfragen, abgebrochene Anmeldungen, Anrufe beim Support. In dieser Lektion lernst du herauszufinden, was Menschen wirklich brauchen, bevor du die erste Zeile Code schreibst oder das erste Rechteck in Figma zeichnest.

UI, UX und Usability: drei Begriffe, ein Ziel

Stell dir einen Billettautomaten am Bahnhof vor. Die UI (User Interface, Benutzeroberfläche) ist alles, was du siehst und berührst: Bildschirm, Buttons, Texte, Farben. Die UX (User Experience, Nutzungserlebnis) ist alles, was du dabei erlebst: Findest du dein Ziel? Verstehst du die Zonen? Bist du fertig, bevor der Zug fährt? Eine schöne UI kann eine schlechte UX haben, zum Beispiel wenn die Option für das Halbtax gut versteckt ist und du deshalb zu viel bezahlst.

Usability (Gebrauchstauglichkeit) ist der messbare Kern davon. Die Norm ISO 9241-11 beschreibt sie so: Bestimmte Benutzende erreichen in einem bestimmten Nutzungskontext bestimmte Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend.

KriteriumLeitfrageBeispiel Musikschule
effektivErreicht die Person ihr Ziel vollständig und korrekt?Die Anmeldung kommt ohne fehlende Angaben im Sekretariat an.
effizientMit wie viel Aufwand an Zeit, Klicks und Denkarbeit?Eine Mutter braucht 6 statt 20 Minuten.
zufriedenstellendWie erlebt die Person das?Der Vater findet es «angenehm einfach» und würde es wieder so machen.

Wichtig ist der Zusatz «in einem bestimmten Nutzungskontext». Dieselbe Oberfläche kann am Schreibtisch hervorragend und im Stehen mit einer Hand unbrauchbar sein. Usability ist deshalb nie eine Eigenschaft der Software allein, sondern immer das Zusammenspiel von Software, Mensch, Aufgabe und Situation.

Check 1 · Eine AntwortEinstieg

Ein Online-Shop für Velozubehör hat eine moderne, stimmige Oberfläche mit schönen Fotos. Trotzdem brechen viele Kundinnen und Kunden den Kauf ab, weil sie die Versandkosten erst im letzten Schritt sehen und sich getäuscht fühlen. Welche Aussage trifft zu?

Der Nutzungskontext: wer, was, wo, womit

Bevor du gestaltest, klärst du den Nutzungskontext. Vier Fragen genügen für den Anfang:

FrageWas du herausfinden willstMusikschule
Wer?Benutzergruppen, Vorwissen, Sprache, EinschränkungenEltern, ältere Jugendliche, Sekretariat
Was?Aufgaben, Ziele, HäufigkeitKind anmelden (ein- bis zweimal pro Jahr), Anmeldungen prüfen (täglich während der Anmeldephase)
Wo und wann?Umgebung, Zeitdruck, Unterbrechungenabends auf dem Sofa, im Zug, das Sekretariat im Büro
Womit?Geräte, Bildschirmgrösse, Eingabeart, Hilfsmittelmeist Smartphone, selten Laptop, das Sekretariat mit zwei Bildschirmen

Schon diese Tabelle verändert den Entwurf. Wenn Eltern abends am Handy anmelden, sind 28 Felder auf einer Seite eine Zumutung. Wenn das Sekretariat täglich Dutzende Anmeldungen prüft, braucht es eine kompakte Liste und keine hübsche Willkommensseite.

Es gibt fast immer mehrere Benutzergruppen mit unterschiedlichen Zielen. Die Eltern wollen schnell fertig sein. Das Sekretariat will vollständige, korrekte Daten. Die Schulleitung will Auswertungen. Eine gute Lösung bedient alle, legt aber bewusst fest, wessen Bedürfnisse Vorrang haben.

Hinter diesem Vorgehen steht der menschzentrierte Gestaltungsprozess, wie ihn die Norm ISO 9241-210 beschreibt. Er ist ein Kreislauf und kein Wasserfall:

Du drehst diese Runde mehrmals: zuerst mit Papierskizzen, dann mit Wireframes und Prototypen, später mit dem fertigen Code. Ein Feld auf Papier zu verschieben dauert Sekunden, nach dem Go-live kostet es Code, Tests und ein Deployment.

Check 2 · Mehrere AntwortenFortgeschritten

Die Spitex einer Region im Emmental will ein Tool, mit dem Pflegefachpersonen Einsätze direkt bei den Klientinnen und Klienten dokumentieren. Welche Fragen gehören in die Analyse des Nutzungskontexts? Wähle alle passenden.

Wähle alle zutreffenden Antworten.

Interviews und Beobachtung: Fragen, die weiterbringen

Die zuverlässigste Quelle für den Nutzungskontext sind die Menschen selbst. Zwei Methoden reichen für den Einstieg:

  • Interview: Du sprichst 20 bis 40 Minuten mit einer Person über ihren Alltag und ihre Aufgabe. Ein Leitfaden mit vorbereiteten Fragen gibt dir Halt, du darfst aber vom Plan abweichen, wenn etwas Spannendes auftaucht.
  • Beobachtung: Du schaust zu, wie jemand die Aufgabe heute erledigt. Menschen beschreiben ihr Verhalten oft anders, als sie handeln. Die Sekretärin sagt vielleicht «Das geht schnell», braucht beim Zuschauen aber sieben Minuten pro Formular, weil sie die Angaben in zwei Programme abtippt.

Die Kunst liegt in den Fragen. Frag nach vergangenem, konkretem Verhalten und nicht nach Meinungen über die Zukunft.

SchlechtWarumBesser
«Wäre eine Online-Anmeldung praktisch?»Suggestivfrage, fast alle sagen Ja«Erzähl mir, wie du dein Kind letztes Mal angemeldet hast.»
«Würdest du eine App benutzen?»hypothetisch, Menschen schätzen ihr künftiges Verhalten schlecht ein«Wann und wo erledigst du solche Formulare normalerweise?»
«Ist das Formular zu lang?»Ja/Nein-Frage, legt die Antwort nahe«Was war beim Ausfüllen mühsam?»
«Ist dir ein Dropdown oder eine Liste lieber?»fragt nach einer Lösung statt nach dem Bedürfnis«Wie entscheidest du, welches Instrument und welche Zeit passen?»

Weitere Regeln:

  • Offene Fragen beginnen mit «wie», «was», «wann» oder «erzähl». Danach: zuhören und nicht unterbrechen.
  • Nachhaken mit «Warum?» oder «Hast du ein Beispiel?». Oft kommt der wichtigste Satz nach einer Pause, die du aushältst.
  • Nichts verkaufen. Wenn du deinen Entwurf zeigst und fragst, ob er gefällt, sagen die meisten aus Höflichkeit Ja.
  • Zitat und Interpretation trennen. «Ich mache das abends im Bett» ist eine Beobachtung. «Sie braucht einen dunklen Modus» ist deine Interpretation. Markiere Interpretationen deutlich, sonst weiss später niemand mehr, was die Person tatsächlich gesagt hat.
Check 3 · Mehrere AntwortenFortgeschritten

Jana bereitet das Interview mit einem Vater vor, der seinen Sohn letztes Jahr bei der Musikschule angemeldet hat. Welche Fragen eignen sich, um echtes Verhalten und Bedürfnisse herauszufinden? Wähle alle passenden.

Wähle alle zutreffenden Antworten.

Schritt für Schritt: Vom Interview zur Erkenntnis

Jana spricht mit zwei Müttern, einem Vater und der Sekretärin. So geht sie vor:

1. Ziel festlegen. «Ich will verstehen, wie Familien heute ein Kind anmelden und wo es hakt.» Nicht: «Ich will herausfinden, ob mein Formular gut ist.» Das erste Ziel öffnet, das zweite verengt.

2. Leitfaden schreiben. Fünf Kernfragen, vom Allgemeinen zum Konkreten:

Text
Einstieg   Erzähl kurz: Wie viele Kinder besuchen die Musikschule, welche Instrumente?
Frage 1    Wie hast du die letzte Anmeldung gemacht? Erzähl Schritt für Schritt.
Frage 2    Wo und wann hast du das Formular ausgefüllt?
Frage 3    Was war dabei mühsam oder unklar?
Frage 4    Welche Angaben musstest du nachschlagen oder nachfragen?
Frage 5    Was würde dir bei der nächsten Anmeldung am meisten Zeit sparen?
Abschluss  Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe und das wichtig ist?

3. Durchführen und mitschreiben. Pro Gespräch rund 25 Minuten. Jana notiert wörtliche Zitate und markiert eigene Gedanken mit «INT:».

4. Codieren. Nach allen Gesprächen versieht Jana jede Notiz mit kurzen Stichworten, sogenannten Codes: handy, abends, geschwister, fehler, rueckfragen. Gleiche Themen erhalten den gleichen Code, auch wenn die Personen sie unterschiedlich formulieren. «Am Telefon», «auf dem Natel» und «mit dem iPhone» werden alle zu handy.

5. Auszählen. Entscheidend ist nicht nur, wie oft ein Thema vorkommt, sondern wie viele verschiedene Personen es nennen. Spricht eine Mutter fünfmal über das Handy, ist das ein Thema dieser einen Person. Erwähnen es drei von vier Personen unabhängig voneinander, ist es ein Muster.

CodePersonenNennungen
handy34
abends23
fehler22
geschwister22
papier11

6. Erkenntnisse formulieren. Aus den Mustern werden Sätze, die das ganze Team versteht:

  • «Eltern füllen die Anmeldung meist abends am Handy aus.» (3 von 4 Personen)
  • «Familien melden oft Geschwister an und schreiben heute alles doppelt.» (2 von 4, davon das Sekretariat)
  • «Unvollständige Angaben führen zu Rückfragen, rund sechs Stunden pro Semester im Sekretariat.»

Diese Sätze sind die Grundlage für alles Weitere: Personas, User Stories, Wireframes. Jede spätere Gestaltungsentscheidung kann Jana auf eine dieser Erkenntnisse zurückführen.

Das Auszählen ist reine Logik, die du programmieren kannst. So sieht eine codierte Notiz in JavaScript aus:

JavaScript
// Eine codierte Interviewnotiz
const notiz = {
  person: "Mutter A",
  text: "Ich fülle sowas abends auf dem Handy aus, wenn die Kinder schlafen.",
  codes: ["handy", "abends"]
};

// Ein Set speichert jeden Wert nur einmal:
const personen = new Set(["Mutter A", "Vater", "Mutter A"]);
console.log(personen.size); // 2

Im Labor schreibst du die Auswertung, die Jana für ihre Notizen nutzt. Wenn alle Tests grün sind, hast du dein erstes kleines UX-Werkzeug gebaut.

Check 4 · Code-LaborEinstieg

Code-Labor: Interviewnotizen auswerten. Jana hat ihre Interviewnotizen mit Codes versehen. Schreibe zwei Funktionen:

  • zaehleCodes(notizen) liefert pro Code ein Objekt { code, personen, nennungen }. personen ist die Anzahl verschiedener Personen, die den Code nennen, nennungen die Anzahl Notizen mit diesem Code. Sortiert nach personen absteigend, bei Gleichstand nach nennungen absteigend, dann alphabetisch nach code.
  • wichtigeThemen(notizen, minPersonen) liefert nur die Codes (als Strings), die von mindestens minPersonen Personen genannt werden, in derselben Reihenfolge.

Mit den Testdaten muss genau die Tabelle aus der Lektion herauskommen: handy mit 3 Personen und 4 Nennungen zuoberst.

Code-Labor · JavaScript
Strg + Enter

Typische Fehler

  1. Für sich selbst gestalten. Du kennst die Anwendung in- und auswendig, die Eltern nicht. «Ich finde das logisch» ist kein Argument. Korrektur: Belege jede Annahme mit mindestens einer Beobachtung oder Aussage.
  2. Suggestivfragen stellen. «Wäre es nicht praktisch, wenn ...?» liefert fast immer Zustimmung und damit keine Information. Korrektur: Frag nach dem letzten konkreten Mal.
  3. Nur eine Benutzergruppe befragen. Wer nur Eltern interviewt, übersieht, dass das Sekretariat die Daten in einer bestimmten Form weiterverarbeiten muss. Korrektur: Bezieh jede Gruppe mindestens einmal ein.
  4. Lösungswünsche als Anforderung übernehmen. Ein Vater sagt: «Macht doch eine App.» Dahinter steckt das Bedürfnis, die Anmeldung unterwegs schnell zu erledigen. Das löst eine gute mobile Webseite ebenso. Korrektur: Frag «Was würde dir das bringen?» und notiere das Bedürfnis.
  5. Eine einzelne Aussage überbewerten. Eine laute Meinung ist noch kein Muster. Korrektur: Zähle, wie viele verschiedene Personen ein Thema nennen, bevor du es zur Erkenntnis machst.

Zusammenfassung

  • UI ist die Oberfläche, UX das ganze Erlebnis, Usability misst Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit in einem Nutzungskontext.
  • Kläre den Nutzungskontext mit vier Fragen: wer, was, wo und wann, womit.
  • Der menschzentrierte Prozess ist ein Kreislauf: verstehen, Anforderungen festlegen, entwerfen, prüfen, wiederholen.
  • Im Interview fragst du offen nach vergangenem, konkretem Verhalten, ohne Suggestivfragen und ohne deine Lösung zu verkaufen.
  • Notizen codieren und auszählen: Ein Muster ist, was mehrere Personen unabhängig voneinander nennen.
  • Formuliere Erkenntnisse als klare Sätze, auf die du alle späteren Entscheidungen stützt.

Mit deiner eigenen KI vertiefen

Kopiere einen Prompt in Claude, ChatGPT oder Claude Code. Er macht die KI zur Lernbegleitung statt zum Lösungsautomaten.

Interview üben mit einer KI als Gesprächspartnerin Chat-KI

Du übst, offene Interviewfragen zu stellen und nachzuhaken. Die KI spielt eine Mutter und gibt dir danach Rückmeldung zu deinen Fragen. Ideal nach Lektion 1 und vor echten Interviews.