Lektion 1 von 9
Ist-Analyse: wie Prozesse wirklich laufen
Du unterscheidest dokumentierten, gelebten und gewünschten Prozess, kennst den Weg einer Ist-Analyse und die typischen kritischen Punkte und rechnest den Flussgrad aus.
Worum es geht
Kevin ist im 1. Lehrjahr bei der Sanitär Grosshandel Rheintal AG in Buchs SG. Für den überbetrieblichen Kurs soll er einen echten Prozess aus seinem Lehrbetrieb analysieren und wählt die Retouren: Ein Installateur bringt Armaturen, Rohre oder Ventile zurück und erhält eine Gutschrift. Im Qualitätshandbuch von 2019 ist das ein Dreizeiler: «Ware zurücknehmen, Ware prüfen, Gutschrift erstellen.»
Im Lager hört Kevin ganz andere Geschichten. Es gibt eine «Retourenecke», in der Ware ohne Lieferschein tagelang steht. Der Innendienst führt eine eigene Excel-Liste, weil man im ERP nicht sieht, welche Retoure wo hängt. Installateure rufen an und fragen, wo ihre Gutschrift bleibt. Der Geschäftsführer sagt: «Wir brauchen ein Retourenportal.» Vielleicht. Aber welche Schritte soll das Portal ersetzen, und wo geht die Zeit wirklich verloren?
Genau das klärt eine Ist-Analyse: Du findest heraus, wie ein Prozess heute tatsächlich abläuft, hältst ihn als Modell fest, belegst mit Zahlen, wo er hakt, und zeigst, wo Risiken lauern. Wer diesen Schritt überspringt und direkt digitalisiert, macht einen schlechten Ablauf nur schneller schlecht. In dieser Lektion bekommst du den Überblick über den ganzen Weg, den du in diesem Kurs Schritt für Schritt gehst.
Drei Wahrheiten über denselben Prozess
Stell dir einen Park vor. Der offizielle Weg führt im rechten Winkel um die Wiese herum. Quer über die Wiese verläuft ein ausgetretener Trampelpfad. Der Plan des Gartenamts zeigt nur den offiziellen Weg. Wer wissen will, wie die Leute wirklich gehen, muss sich den Trampelpfad ansehen. Und der Trampelpfad verrät etwas Wichtiges: Der offizielle Weg ist für viele unpraktisch.
Bei Prozessen ist es genauso. Über jeden Ablauf gibt es drei Sichten:
| Sicht | Quelle | Typische Aussage | Was sie dir verrät |
|---|---|---|---|
| Dokumentierter Prozess | Handbuch, Weisung, Formular | «Die Ware wird bei Eingang geprüft.» | Wie es einmal gedacht war |
| Gelebter Prozess (Ist) | Beobachtung, Daten, konkrete Fälle | «Geprüft wird am Nachmittag, wenn Zeit ist.» | Wie es heute wirklich läuft |
| Gewünschter Prozess (Soll) | Ziele, Ideen der Beteiligten | «Eigentlich sollte die Gutschrift nach zwei Tagen raus sein.» | Wohin es gehen soll |
Ein Ist-Modell zeigt den gelebten Prozess, mit allen Umwegen: die Excel-Liste neben dem ERP, das Telefonat, weil eine Information fehlt, die Ecke, in der Ware wartet. Solche Umwege heissen Workarounds. Sie sind kein Fehlverhalten der Mitarbeitenden, sondern ein Signal: Hier passt der offizielle Ablauf nicht zur Realität. Genau diese Stellen interessieren dich.
Kevin soll den Retourenprozess modellieren. Im Qualitätshandbuch von 2019 steht ein Ablauf mit drei Schritten. Im Lager erzählt man ihm von einer Retourenecke und einer Excel-Liste, die im Handbuch nicht vorkommen. Was gehört ins Ist-Modell?
Der Weg einer Ist-Analyse
Eine Ist-Analyse folgt einem festen Weg. Jede Etappe liefert ein Ergebnis, auf dem die nächste aufbaut:
| Etappe | Ergebnis | Lektion |
|---|---|---|
| Erhebung planen | Erhebungsplan mit Personen, Methoden, Terminen | 2 |
| Erheben | Interviewprotokolle, Beobachtungsbogen, Stichprobe | 3 und 4 |
| Ist-Modell zeichnen und bestätigen | BPMN-Modell Version 1.0, von den Beteiligten bestätigt | 5 |
| Schwachstellen markieren | nummerierte Schwachstellenliste S1, S2, … | 6 |
| Zeiten und Mengen belegen | Durchlaufzeit, Bearbeitungszeit, Fehlerquote, Hochrechnung | 7 |
| Ursachen finden und priorisieren | Ishikawa, 5 Why, Pareto, Top 3 | 8 |
| Risiken bewerten, Befund präsentieren | Risikomatrix, fehlende Kontrollen, Analysebericht | 9 |
Wichtig ist, was nicht dazugehört: Der neue Soll-Prozess. Die Ist-Analyse endet mit einem belegten Befund. Verbessern und automatisieren ist der nächste Schritt (in den Modulen 349 und 367). Wer mitten in der Analyse schon an der Lösung baut, sieht nur noch, was zur eigenen Idee passt.
Bring die Etappen einer Ist-Analyse in die richtige Reihenfolge.
- 1
Ist-Modell in BPMN zeichnen
- 2
Erhebung planen: Personen, Methoden, Termine
- 3
Schwachstellen markieren und mit Zahlen belegen
- 4
Modell im Walkthrough von den Beteiligten bestätigen lassen
- 5
Ursachen finden, priorisieren und den Befund präsentieren
- 6
Informationen erheben: Interviews, Beobachtung, Dokumente, Daten
Was ein kritischer Punkt ist
Ein kritischer Punkt ist eine Stelle im Prozess, an der Zeit, Geld oder Qualität verloren geht oder an der ein Risiko entsteht. Die meisten kritischen Punkte gehören zu wenigen Familien. Wenn du sie kennst, findest du sie in jedem Prozess:
| Familie | Kurz erklärt | Beispiel bei Kevin |
|---|---|---|
| Medienbruch | Information wechselt den Träger und wird von Hand übertragen | Retourenschein auf Papier wird in Excel abgetippt |
| Doppelerfassung | Dieselben Daten werden mehrmals eingegeben | Artikelnummern in Excel und nochmals im ERP |
| Liegezeit | Der Fall wartet, niemand arbeitet daran | Ware steht bis zu zwei Wochen in der Retourenecke |
| Schnittstelle | Übergabe zwischen Personen oder Abteilungen | Lager meldet per Zuruf an den Innendienst |
| Single Point of Failure | Alles hängt an einer Person oder einer Datei | Nur eine Person versteht die Excel-Liste |
| Fehlerquelle | Stelle, an der oft Fehler entstehen | Handschrift auf dem Schein ist unleserlich |
| Kontrolllücke | Eine nötige Prüfung fehlt | Gutschriften in beliebiger Höhe ohne Freigabe |
| Compliance-Risiko | Verstoss gegen Gesetz oder Vorgabe droht | Kundendaten in einer ungeschützten Liste |
Im Modell sieht das so aus. Die rot markierten Stellen sind kritische Punkte:
Kevin notiert nach seiner ersten Stunde im Lager diese Beobachtungen. Welche davon sind kritische Punkte im Sinne der Ist-Analyse?
Wähle alle zutreffenden Antworten.
Zahlen statt Gefühle
«Das dauert ewig» ist eine Meinung. «Eine Retoure dauert im Schnitt 11 Arbeitstage, davon wird 35 Minuten gearbeitet» ist ein Befund. Für diesen Unterschied brauchst du drei Zeiten:
- Durchlaufzeit: die gesamte Zeit vom Auslöser bis zum Ergebnis, also von der Rückgabe der Ware bis zur verschickten Gutschrift.
- Bearbeitungszeit: nur die Zeit, in der jemand aktiv am Fall arbeitet.
- Liegezeit: die Zeit, in der der Fall wartet. Liegezeit = Durchlaufzeit minus Bearbeitungszeit.
Denk an einen Besuch in der Hausarztpraxis: Du bist zwei Stunden unterwegs, sitzt im Wartezimmer, wartest auf das Labor. Mit der Ärztin sprichst du zehn Minuten. Die Durchlaufzeit beträgt 120 Minuten, die Bearbeitungszeit 10 Minuten.
Daraus berechnest du den Flussgrad, den Anteil der Bearbeitungszeit an der Durchlaufzeit:
Flussgrad = Bearbeitungszeit / Durchlaufzeit × 100 %Für Kevins Retouren rechnest du in derselben Einheit. Bei einer 42-Stunden-Woche hat ein Arbeitstag 8,4 Stunden, also 504 Minuten:
Durchlaufzeit: 11 Arbeitstage × 504 Min. = 5'544 Min.
Bearbeitungszeit: 35 Min.
Flussgrad: 35 / 5'544 × 100 % ≈ 0,6 %Über 99 % der Zeit wartet die Retoure. Das ist typisch für Büroprozesse und die wichtigste Erkenntnis der ganzen Analyse: Meistens ist nicht die Arbeit langsam, sondern das Warten dazwischen lang. Ein Portal, das die Eingabe um zwei Minuten beschleunigt, ändert an 11 Tagen fast nichts.
Eine Spesenabrechnung ist vom Einreichen bis zur Auszahlung 6 Arbeitstage unterwegs. Aktiv daran gearbeitet wird insgesamt 42 Minuten. Ein Arbeitstag hat 8,4 Stunden. Wie hoch ist der Flussgrad in Prozent? Runde auf eine Nachkommastelle.
Schritt für Schritt: Kevins erster Überblick
Kevin hat eine Stunde in der Warenannahme verbracht und kurz mit dem Lageristen gesprochen. Aus seinen Notizen macht er einen ersten Überblick. Das ist noch keine Analyse, aber der Startpunkt dafür.
Schritt 1: Notizen lesen und den Ablauf in Stichworten aufschreiben. Installateur kommt mit Ware, Lagerist zählt, sucht Lieferschein, füllt Retourenschein aus, legt Schein ins Fach Innendienst, Innendienst tippt in Excel, später Gutschrift im ERP.
Schritt 2: Pro Schritt Rolle und Medium notieren.
| Nr. | Schritt | Rolle | Medium |
|---|---|---|---|
| 1 | Ware annehmen und zählen | Lager | Ware |
| 2 | Retourenschein ausfüllen | Lager | Papier |
| 3 | Schein ins Fach legen | Lager | Papier |
| 4 | Retoure in Excel eintragen | Innendienst | Excel |
| 5 | Gutschrift erfassen | Innendienst | ERP |
Schritt 3: Auffälligkeiten markieren. Zwischen Schritt 3 und 4 wird die Information vom Papier in Excel abgetippt (Medienbruch), zwischen 4 und 5 von Excel ins ERP (Medienbruch und Doppelerfassung der Artikelnummern). Ebenfalls zwischen 3 und 4 wechselt die Rolle (Schnittstelle), und der Schein liegt im Fach (Liegezeit).
Schritt 4: Vermutungen sauber als Vermutungen formulieren. Kevin schreibt nicht «Das Fach ist das Problem», sondern: «Vermutung V1: Retourenscheine liegen lange im Fach Innendienst.»
Schritt 5: Für jede Vermutung festlegen, wie sie belegt wird.
| Nr. | Vermutung | Wie belegen? |
|---|---|---|
| V1 | Scheine liegen lange im Fach | Datum auf Schein mit Datum in Excel vergleichen, 20 Fälle |
| V2 | Artikelnummern werden doppelt erfasst | Excel-Spalten und ERP-Maske vergleichen, Zeit messen |
| V3 | Ware ohne Lieferschein bleibt in der Ecke | Beobachtung und Interview Lager, Fälle zählen |
Schritt 6: Nächste Erhebungsschritte ableiten. Aus der Tabelle ergibt sich direkt, was Kevin braucht: eine Stichprobe von Retourenscheinen, ein Interview mit dem Innendienst und eine längere Beobachtung. Damit hat er die Grundlage für seinen Erhebungsplan in Lektion 2.
Probier jetzt selbst aus, wie stark Wartezeit den Flussgrad drückt:
Code-Labor: Wie viel Zeit ist echte Arbeit?
Schreibe drei kleine Funktionen, mit denen du Zeiten aus einer Ist-Analyse vergleichbar machst:
arbeitstage_zu_minuten(tage, stunden_pro_tag=8.4)rechnet Arbeitstage in Minuten um und rundet auf ganze Minuten. Bei einer 42-Stunden-Woche hat ein Arbeitstag 8,4 Stunden, also 504 Minuten.liegezeit(durchlaufzeit_min, bearbeitungszeit_min)gibt die Liegezeit in Minuten zurück.flussgrad(durchlaufzeit_min, bearbeitungszeit_min)gibt den Anteil der Bearbeitungszeit an der Durchlaufzeit in Prozent zurück, auf eine Nachkommastelle gerundet.
Am Schluss prüfen die Tests auch Kevins Retouren: 35 Minuten Bearbeitung bei 11 Arbeitstagen Durchlaufzeit.
Typische Fehler
- Das Handbuch abzeichnen. Wer nur die Weisung in BPMN überträgt, modelliert den dokumentierten Prozess. Die interessanten Schwachstellen stecken aber im gelebten Ablauf. Frag immer: «Wie war es beim letzten Fall?»
- Mit der Lösung anfangen. «Wir brauchen ein Portal» ist eine Hypothese über die Lösung, kein Befund. Halte Lösungsideen in einer separaten Liste fest und analysiere weiter.
- Schuldige suchen. «Der Innendienst ist zu langsam» hilft niemandem und zerstört das Vertrauen. Beschreibe den Ablauf: «Scheine warten im Fach, weil niemand benachrichtigt wird.»
- Vermutung als Befund verkaufen. Ein Eindruck aus einer Stunde Beobachtung ist eine Vermutung. Zum Befund wird er erst mit einem Beleg, zum Beispiel aus 20 ausgewerteten Fällen.
- Nur den Normalfall erheben. In den Ausnahmen, etwa Ware ohne Lieferschein, geht oft die meiste Zeit verloren.
Zusammenfassung
- Die Ist-Analyse beschreibt, wie ein Prozess heute wirklich läuft, und ist die Grundlage jeder Verbesserung.
- Unterscheide dokumentierten, gelebten und gewünschten Prozess. Das Ist-Modell zeigt den gelebten, inklusive Workarounds.
- Der Weg: planen, erheben, modellieren, bestätigen, Schwachstellen markieren, mit Zahlen belegen, Ursachen finden, Risiken bewerten, Befund präsentieren.
- Kritische Punkte gehören zu wenigen Familien: Medienbruch, Doppelerfassung, Liegezeit, Schnittstelle, Single Point of Failure, Fehlerquelle, Kontrolllücke, Compliance-Risiko.
- Durchlaufzeit = Bearbeitungszeit + Liegezeit. Der Flussgrad zeigt, wie viel Prozent davon echte Arbeit sind. In Büroprozessen ist er oft sehr tief.
- Formuliere Eindrücke als Vermutungen und plane, wie du sie belegst.
Mit deiner eigenen KI vertiefen
Kopiere einen Prompt in Claude, ChatGPT oder Claude Code. Er macht die KI zur Lernbegleitung statt zum Lösungsautomaten.
Die Ist-Analyse verstehen und abfragen lassen Chat-KI
Wenn dir noch unklar ist, warum man den gelebten Prozess modelliert und was Durchlaufzeit, Liegezeit und Flussgrad aussagen. Die KI erklärt und prüft dich danach.