Lektion 1 von 9
Für wen schreibst du? Zielgruppe und Nutzungssituation
Du beschreibst eine Zielgruppe mit Aufgaben, Vorwissen, Sprache, Gerät, Situation und Häufigkeit, erstellst Personas und leitest daraus Anforderungen an die Dokumentation ab.
Worum es geht
Gian ist Entwickler digitales Business im 3. Lehrjahr beim Hotel Bergkristall in Davos. Ab Dezember meldet das Housekeeping den Zimmerstatus nicht mehr auf Zetteln, sondern mit einer App auf dem Smartphone. Gian kennt die App in- und auswendig, er hat sie im Projektteam mitgetestet. Am ersten Abend schreibt er eine Anleitung: zwölf Seiten, sauber formatiert, mit jedem Menüpunkt erklärt. Er ist zufrieden.
Am nächsten Morgen begleitet er das Housekeeping auf der Etage. Was er sieht, passt nicht zu seinen zwölf Seiten. Die Mitarbeitenden tragen Handschuhe, schieben einen schweren Wagen, haben pro Zimmer rund 25 Minuten Zeit und sprechen untereinander Portugiesisch oder Spanisch. Niemand hat eine Hand frei, um zwölf Seiten durchzublättern. Die Anleitung ist fachlich richtig und trotzdem nutzlos.
Genau darum geht es in diesem Modul: Eine Dokumentation ist nicht dann gut, wenn sie vollständig ist, sondern wenn die Menschen, für die sie gedacht ist, damit ihre Arbeit erledigen können. Bevor du einen einzigen Satz schreibst, beantwortest du deshalb zwei Fragen: Wer liest das? und In welcher Situation? In dieser Lektion lernst du, eine Zielgruppe systematisch zu beschreiben, Personas zu erstellen und Nutzungssituationen zu erkennen. Das ist die Grundlage für alles, was in den nächsten Lektionen kommt.
Der Fluch des Wissens
Warum schreiben gerade Fachleute oft schlechte Anleitungen? Weil sie sich nicht mehr vorstellen können, wie es ist, etwas nicht zu wissen. In der Psychologie heisst das der Fluch des Wissens. Wer eine Software täglich nutzt, sieht nicht mehr, dass der Begriff «Status setzen» für Neue rätselhaft ist oder dass der kleine Pfeil oben rechts gar nicht als Knopf erkennbar ist.
Ein Alltagsbeispiel: Du erklärst einer Kollegin den Weg zu dir nach Hause. «Beim Coop links, dann bis zum alten Schulhaus.» Für dich glasklar. Sie war aber nie dort, kennt das alte Schulhaus nicht und weiss nicht, dass es zwei Coop-Filialen gibt. Deine Beschreibung setzt Wissen voraus, das sie nicht hat.
Gegen den Fluch des Wissens hilft nur eines: die Zielgruppe kennenlernen, statt sie sich vorzustellen. Und später: die Dokumentation von echten Personen testen lassen (das lernst du in Lektion 9).
Eine Zielgruppe beschreiben
«Die Mitarbeitenden» ist keine Zielgruppenbeschreibung. Erst wenn du konkrete Merkmale kennst, kannst du gute Entscheidungen treffen. Diese sechs Merkmale haben sich bewährt:
| Merkmal | Leitfrage | Beispiel Housekeeping | Folge für die Dokumentation |
|---|---|---|---|
| Rolle und Aufgaben | Was muss die Person mit der Software erledigen? | Zimmer als gereinigt, gesperrt oder mit Schaden melden | Nur diese drei Aufgaben dokumentieren, nicht die ganze App |
| Vorwissen | Was kann sie schon? Welche Begriffe kennt sie? | Nutzt WhatsApp sicher, kennt keine Fachbegriffe wie «Status» | Begriffe aus der App erklären, Symbole zeigen |
| Sprache und Lesegewohnheit | In welcher Sprache denkt sie? Liest sie gern? | Deutsch als Zweitsprache, liest ungern lange Texte | Sehr kurze Sätze, Bilder, Untertitel auf Portugiesisch |
| Gerät | Womit arbeitet sie? | Smartphone des Hotels, kleiner Bildschirm | Screenshots im Hochformat, keine PDF zum Zoomen |
| Nutzungssituation | Wo, wann und unter welchen Bedingungen schaut sie nach? | Auf der Etage, mit Handschuhen, unter Zeitdruck | Kurzkarte am Wagen statt Dokument auf dem Handy |
| Häufigkeit | Wie oft macht sie die Aufgabe? | «Gereinigt» 15-mal pro Tag, «Schaden» zweimal pro Woche | Häufiges muss man nach zwei Tagen auswendig können, Seltenes muss schnell auffindbar sein |
Dazu kommen je nach Fall Einstellung und Motivation (freut sich die Person auf die App oder hat sie Angst, Fehler zu machen?) und körperliche oder sensorische Einschränkungen (kleine Schrift ist für viele Menschen über 50 mühsam, Farben allein sind für Personen mit Farbsehschwäche nicht unterscheidbar).
Gian beschreibt die Zielgruppe der Housekeeping-App. Welche Angaben helfen ihm direkt, Entscheidungen über die Dokumentation zu treffen?
Wähle alle zutreffenden Antworten.
Wie du an diese Informationen kommst
Die Merkmale erfindest du nicht am Schreibtisch, du holst sie dir:
- Beobachten: Begleite die Zielgruppe einen halben Tag. Du siehst Dinge, die dir niemand erzählen würde, weil sie für die Betroffenen selbstverständlich sind (Handschuhe, Lärm, Zeitdruck).
- Kurze Gespräche: Drei bis fünf Fragen wie «Wann schaust du heute in eine Anleitung?» oder «Was nervt dich an der bisherigen Lösung?».
- Vorgesetzte und Key User: Die Gouvernante weiss, wer neu ist, wer schlecht Deutsch spricht und wo heute Fehler passieren.
- Supportanfragen und Fehlerlisten: Was wird heute am häufigsten gefragt? Das sind die Themen, die deine Doku zuerst lösen muss.
Personas: aus Daten wird ein Mensch
Eine Tabelle mit Merkmalen ist nützlich, aber abstrakt. Eine Persona macht daraus eine fiktive, aber typische Person mit Namen, Alter, Aufgaben, Zielen und Gewohnheiten. Sie ist erfunden, beruht aber auf dem, was du beobachtet hast. Beim Schreiben fragst du dann nicht mehr «Versteht das die Zielgruppe?», sondern ganz konkret «Versteht das Luísa?».
So sieht eine brauchbare Persona aus:
Persona: Luísa, 41, Mitarbeiterin Housekeeping
Arbeit: reinigt pro Schicht 14 bis 16 Zimmer, arbeitet seit 6 Saisons im Hotel
Sprache: Portugiesisch, Deutsch für den Alltag gut, Lesen auf Deutsch mühsam
Technik: eigenes Smartphone für WhatsApp und Fotos, nie Apps für die Arbeit
Situation: meldet direkt nach jedem Zimmer, Handschuhe an, Wagen im Gang
Ziel: schnell fertig werden, keine Fehler, die die Gouvernante sieht
Sorge: «Wenn ich falsch tippe, steht ein Zimmer als sauber da und ein Gast kommt rein.»
Was hilft: Bilder, Symbole, jemand, der es einmal vorzeigtBeachte, was die Persona nicht enthält: Lieblingsfarbe, Hobbys, Familienstand. Solche Details klingen lebendig, helfen aber bei keiner Entscheidung. Jede Zeile einer Persona sollte etwas für die Dokumentation bedeuten.
Für die meisten Projekte genügen zwei bis vier Personas, eine pro wichtige Rolle. Im Hotel Bergkristall sind das Luísa (Housekeeping), die Gouvernante Seraina, die die Teams führt und Auswertungen braucht, und Marco von der Rezeption, der nur wissen muss, welche Zimmer bezugsbereit sind.
Für die Spitex-Tablet-App sollen Personas entstehen. Welcher Eintrag ist als Persona am nützlichsten?
Die Nutzungssituation: wann, wo, womit?
Dieselbe Person liest in verschiedenen Situationen ganz unterschiedlich. Fachleute unterscheiden grob drei Arten zu lesen:
| Art | Situation | Was die Person braucht |
|---|---|---|
| Lesen, um etwas zu tun | Sie steht vor der Aufgabe und will sie jetzt erledigen | Schritte, die man nebenbei befolgen kann |
| Nachschlagen | Sie hat etwas vergessen oder einen Sonderfall | Schnell auffindbare, kurze Antwort |
| Lesen, um zu lernen | Sie bereitet sich vor, z.B. vor einer Schulung | Zusammenhänge, Überblick, Beispiele |
Im Housekeeping dominiert klar die erste Art, und zwar unter erschwerten Bedingungen. Die Gouvernante hingegen sitzt am Nachmittag im Büro und schaut sich die Tagesauswertung an: Sie hat Zeit, einen Bildschirm und Ruhe. Für sie darf eine Anleitung ausführlicher sein.
Luísa reinigt Zimmer, trägt Handschuhe und will direkt nach jedem Zimmer den Status melden. Welche Art zu lesen steht bei ihr im Vordergrund, und was folgt daraus?
Der Weg von der Beobachtung zu den Anforderungen sieht so aus:
Schritt für Schritt: Gian analysiert das Housekeeping
Gian wirft seine zwölf Seiten nicht weg, aber er legt sie zur Seite und beginnt neu.
Schritt 1: Rollen auflisten. Wer kommt mit der App in Berührung? Housekeeping (22 Personen), Gouvernanten (2), Rezeption (8), Haustechnik (3, erhält Schadensmeldungen).
Schritt 2: Beobachten. Gian begleitet einen Morgen lang zwei Mitarbeitende. Seine Notizen: «Handschuhe werden nur zwischen den Zimmern ausgezogen. Handy steckt in der Schürze. Viel Zeitdruck ab 10 Uhr, weil Gäste ab 14 Uhr einchecken. Gespräche auf Portugiesisch. Zettel mit Zimmerliste klemmt am Wagen.»
Schritt 3: Merkmale pro Rolle festhalten.
| Rolle | Aufgaben in der App | Vorwissen | Situation | Häufigkeit |
|---|---|---|---|---|
| Housekeeping | gereinigt, gesperrt, Schaden melden | WhatsApp, keine Arbeits-Apps | Etage, Handschuhe, Zeitdruck | 15-mal pro Tag |
| Gouvernante | Zimmer zuteilen, kontrollieren, Tagesauswertung | Office sicher | Büro und Etage | mehrmals täglich |
| Rezeption | sehen, welche Zimmer bezugsbereit sind | Hotelsoftware sicher | am Empfang, oft mit Gast | laufend |
| Haustechnik | Schadensmeldungen abarbeiten | Tablet sicher | Werkstatt, unterwegs | einige Male pro Tag |
Schritt 4: Personas schreiben. Luísa (siehe oben), Seraina (Gouvernante, 52, seit 20 Jahren im Haus, sicher am PC, will vor allem den Überblick) und Marco (Rezeptionist, 24, technikaffin, braucht nur zwei Antworten).
Schritt 5: Nutzungssituationen bestimmen. Luísa schaut nach, wenn sie vor einem Sonderfall steht (Schaden, Zimmer gesperrt). Die Standardaufgabe «gereinigt» muss sie nach der Schulung ohne Anleitung können. Seraina liest am Bildschirm, um zu lernen und nachzuschlagen. Marco schlägt nur nach, wenn ein Gast fragt.
Schritt 6: Anforderungen ableiten. Aus allem zusammen formuliert Gian, was die Dokumentation für das Housekeeping leisten muss:
- höchstens sechs Handgriffe, mit einem Blick erfassbar
- funktioniert ohne Lesen langer Sätze (Symbole, Bilder)
- mit Handschuhen nutzbar, also nicht auf dem Handy, sondern auf Papier am Wagen
- Erklärungen in Portugiesisch und Spanisch für die, die es brauchen
- der Sonderfall «Schaden melden» besonders klar, weil er selten ist
Mit dieser Liste hat Gian noch keine Zeile Anleitung geschrieben, aber er weiss jetzt, was er bauen muss. In Lektion 2 wählt er daraus die passenden Formen.
Typische Fehler
- «Die Zielgruppe sind alle Mitarbeitenden.» Wer für alle schreibt, schreibt für niemanden. Unterscheide die Rollen, sie haben unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliches Vorwissen und unterschiedliche Situationen.
- Vom eigenen Wissen ausgehen. «Das ist doch selbsterklärend» ist der Fluch des Wissens. Geh hin und beobachte, statt anzunehmen.
- Personas mit unnötigen Details. Hobbys, Haustiere und Lieblingsessen machen die Persona nicht nützlicher. Behalte nur, was eine Entscheidung über die Doku beeinflusst.
- Die Situation vergessen. Eine perfekte Anleitung als PDF nützt nichts, wenn die Person mit Handschuhen im Gang steht. Frage immer: Wo und womit wird nachgeschaut?
- Alle Funktionen dokumentieren. Die Rezeption braucht zwei Antworten, nicht das ganze Handbuch. Dokumentiere die Aufgaben der Rolle, nicht die Software.
Zusammenfassung
- Gute Dokumentation beginnt bei der Frage: Wer liest das, in welcher Situation, mit welchem Ziel?
- Der Fluch des Wissens führt dazu, dass Fachleute zu viel voraussetzen. Dagegen hilft Beobachten und später Testen.
- Eine Zielgruppe beschreibst du mit Rolle und Aufgaben, Vorwissen, Sprache, Gerät, Nutzungssituation und Häufigkeit.
- Eine Persona ist eine fiktive, typische Person, die auf Beobachtungen beruht. Jede Angabe muss für die Doku relevant sein.
- Man liest, um etwas zu tun, um nachzuschlagen oder um zu lernen. Jede Art braucht eine andere Aufbereitung.
- Am Ende der Analyse steht eine Liste konkreter Anforderungen an die Dokumentation, aus der du die Form ableitest.
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Zielgruppe sokratisch klären Chat-KI
Wenn du für eine Software im Lehrbetrieb die Zielgruppe beschreiben sollst. Die KI fragt nach, bis du selbst eine brauchbare Persona hast.