Lektion 1 von 9
Vom Wunsch zur begründeten Wahl
Du kennst den Ablauf einer ICT-Evaluation, unterscheidest Muss- und Kann-Kriterien und begründest an einem Monitorvergleich eine Empfehlung in drei Sätzen.
Worum es geht
Montagmorgen bei der Sanitär Frei AG in Frauenfeld. Der Chef kommt mit einem Prospekt ins Büro: «Schau mal, dieses Tablet gibt es im Moment für CHF 299. Kauf doch gleich 30 Stück für die Monteure, dann sind wir die Papierrapporte endlich los.»
Klingt effizient. Doch nach drei Wochen auf der Baustelle sieht die Bilanz anders aus: Vier Displays sind gesprungen, zwei Geräte haben im Regen den Geist aufgegeben, die Rapport-App läuft nur auf einer neueren Android-Version, und im Keller eines Neubaus gibt es ohne LTE-Modul keine Verbindung. Das Schnäppchen wird zum teuersten Gerät des Jahres.
Genau hier kommst du ins Spiel. Als ICT-Fachperson bist du oft diejenige Person im Betrieb, die Datenblätter lesen kann, die bestehende Umgebung kennt und weiss, welche Fragen man vor einem Kauf stellen muss. In diesem Modul lernst du, eine Beschaffung so vorzubereiten, dass die Geschäftsleitung mit gutem Gewissen entscheiden kann: Anforderungen klären, Kriterien festlegen, Angebote fair vergleichen, Kosten über die ganze Nutzungsdauer rechnen, Favoriten testen und eine klare Empfehlung abgeben.
Was ICT-Mittel besonders macht
Mit ICT-Mitteln sind alle Geräte, Programme und Dienste gemeint, mit denen ein Betrieb arbeitet: Notebooks, Monitore, Drucker, Tablets, Headsets, Netzwerkgeräte, aber auch Software-Abos und Cloud-Dienste. Ihre Beschaffung hat ein paar Eigenheiten, die sie von anderen Einkäufen unterscheiden:
- Sie müssen in eine bestehende Umgebung passen. Ein Notebook ohne passenden Anschluss für die vorhandenen Docking-Stationen, ein Tablet, das sich nicht ins Gerätemanagement (MDM) einbinden lässt, oder eine Software ohne Schnittstelle zur Buchhaltung verursacht Folgekosten.
- Die Datenblätter sind voller Fachbegriffe. USB-C ist nicht gleich USB-C: Ob ein Monitor ein Notebook über das Kabel laden kann, steht unter «Power Delivery» mit einer Wattzahl. Wer das nicht liest, kauft am Bedarf vorbei.
- Modelle wechseln schnell. Ein Notebook ist oft nur ein bis zwei Jahre im Handel. Wer nachbestellen will, findet sein Modell vielleicht nicht mehr.
- Die Kosten kommen nach dem Kauf. Toner, Lizenzen, Reparaturen, Datenabos und Strom fallen jedes Jahr wieder an.
Darum denkst du bei ICT-Mitteln immer in einem Lebenszyklus:
Die Evaluation ist nur ein Abschnitt in diesem Kreislauf, aber sie bestimmt, wie gut die folgenden Jahre laufen. Eine Faustregel aus der Praxis: Die Stunden, die du in eine saubere Evaluation steckst, sparst du im Betrieb mehrfach wieder ein.
| ICT-Mittel | Typische Nutzungsdauer in KMU | Worauf du besonders achtest |
|---|---|---|
| Notebook | 4 bis 5 Jahre | Leistung für die Software, Docking, Garantie, Akku |
| Monitor | 6 bis 8 Jahre | Anschlüsse, Ergonomie, Auflösung |
| Multifunktionsdrucker | 5 Jahre | Seitenkosten, Wartung, Scan-Funktionen |
| Tablet für Aussendienst | 3 bis 4 Jahre | Robustheit, Akku, Updates, MDM |
| Software-Abo | laufend, Vertrag oft 1 bis 3 Jahre | Funktionen, Datenschutz, Preisentwicklung |
Die Werte sind Erfahrungswerte, keine Regeln. Im eigenen Betrieb legst du die Nutzungsdauer zusammen mit der Geschäftsleitung fest, denn sie beeinflusst die ganze Kostenrechnung.
Der Ablauf einer Evaluation in sechs Phasen
Eine Evaluation ist ein systematischer Vergleich von Varianten mit dem Ziel, eine begründete Auswahl zu treffen. «Systematisch» heisst: Jeder Schritt baut auf dem vorherigen auf, und eine andere Person kann nachvollziehen, wie du zu deinem Ergebnis gekommen bist.
| Phase | Leitfrage | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1 Anforderungen | Was brauchen die Benutzenden wirklich, und wie viele Geräte? | Anforderungsliste, Mengengerüst |
| 2 Kriterienkatalog | Was ist zwingend, was wünschenswert, wie wichtig ist was? | Muss-Kriterien, gewichtete Kann-Kriterien |
| 3 Markt und Offerten | Welche Produkte kommen in Frage, was kosten sie? | Shortlist, vergleichbare Offerten |
| 4 Bewerten | Welche Variante erfüllt die Wünsche am besten, und was kostet sie über die Nutzungsdauer? | Nutzwertanalyse, TCO-Vergleich |
| 5 Testen | Halten die Favoriten im Alltag, was das Datenblatt verspricht? | Testprotokoll |
| 6 Empfehlung | Was soll die Geschäftsleitung entscheiden? | Evaluationsbericht, Bestellung |
Bring die Phasen einer ICT-Evaluation in die richtige Reihenfolge.
- 1
Anforderungen der Benutzenden erheben und Mengengerüst festlegen
- 2
Kriterienkatalog mit Muss- und Kann-Kriterien erstellen und freigeben lassen
- 3
Varianten mit Nutzwertanalyse und Kostenvergleich bewerten
- 4
Empfehlung abgeben und Beschaffung auslösen
- 5
Markt sichten und Offerten einholen
- 6
Favoriten in einer Teststellung prüfen
Muss oder Kann: der wichtigste Unterschied
Stell dir vor, du kaufst Wanderschuhe. Grösse 43 ist nicht verhandelbar: Ein Schuh in Grösse 41 kommt nicht in Frage, egal wie günstig oder schön er ist. Das ist ein Muss-Kriterium. Ob der Schuh blau oder grau ist, ob er 50 Gramm leichter ist oder eine bessere Sohle hat, vergleichst du danach. Das sind Kann-Kriterien.
Bei ICT-Mitteln funktioniert es genauso:
| Muss-Kriterium | Kann-Kriterium | |
|---|---|---|
| Wirkung | Ausschluss: nicht erfüllt heisst ausgeschieden | Bewertung mit Punkten und Gewichtung |
| Anzahl | wenige, meist 3 bis 6 | mehrere, meist 5 bis 12 |
| Beispiel Notebook | 16 GB RAM, Schweizer Tastatur, kompatibel mit vorhandenem Dock | Gewicht, Akkulaufzeit, Bildschirmhelligkeit |
| Beispiel Tablet für Monteure | Rapport-App läuft, Schutzklasse IP65, LTE | Akkulaufzeit über den Tag hinaus, Gewicht, Preis |
Eine einfache Prüffrage hilft beim Einordnen: Würden wir ein Gerät ablehnen, das sonst perfekt ist, nur weil diese Eigenschaft fehlt? Wenn ja, ist es ein Muss-Kriterium. Wenn du zögerst, ist es ein Kann-Kriterium mit hoher Gewichtung.
Die sechs Support-Arbeitsplätze aus der Lektion bekommen neue Monitore. Die Notebooks sollen über ein einziges USB-C-Kabel laden. Welche Anforderungen sind Muss-Kriterien?
Wähle alle zutreffenden Antworten.
Schritt für Schritt: Monitore für den Support
Bevor Matteo mit den Tablets beginnt, gibt ihm sein Berufsbildner eine Aufwärmübung: Die sechs Arbeitsplätze im internen Support bekommen neue Monitore. Die Mitarbeitenden arbeiten mit Notebooks und möchten nur noch ein Kabel einstecken: Bild, Strom und USB über USB-C.
Schritt 1: Anforderungen klären. Matteo fragt im Team nach und schaut sich die Notebooks an. Die Netzteile liefern 65 Watt. Daraus leitet er die Muss-Kriterien ab:
- 27 Zoll Diagonale (Platz für Ticketsystem und Fernwartung nebeneinander)
- USB-C mit Power Delivery von mindestens 65 W, damit das Notebook über das Kabel lädt
- höhenverstellbar (Ergonomie)
Kann-Kriterien sind Preis, Auflösung, Garantie und Stromverbrauch.
Schritt 2: Datenblätter in eine Tabelle übertragen. Matteo sucht bei zwei Händlern drei passende Modelle und notiert die Werte aus den Datenblättern (Preise exkl. MWST):
| Monitor A | Monitor B | Monitor C | |
|---|---|---|---|
| Diagonale | 27 Zoll | 27 Zoll | 27 Zoll |
| Auflösung | 2560 × 1440 | 3840 × 2160 | 2560 × 1440 |
| USB-C Power Delivery | 65 W | 90 W | 15 W |
| Höhenverstellbar | ja | ja | ja |
| Garantie | 3 Jahre | 3 Jahre | 3 Jahre |
| Leistungsaufnahme typisch | 18 W | 26 W | 16 W |
| Preis pro Stück | CHF 329 | CHF 449 | CHF 259 |
Schritt 3: Muss-Filter anwenden. Monitor C liefert über USB-C nur 15 W. Damit lädt kein Notebook mit 65-Watt-Netzteil. C scheidet aus, obwohl er am günstigsten ist.
Schritt 4: Kosten für alle sechs Geräte inkl. MWST rechnen. Mit 8.1 % MWST multiplizierst du mit 1.081:
- A: 6 × 329 = 1'974 → 1'974 × 1.081 = CHF 2'133.89
- B: 6 × 449 = 2'694 → 2'694 × 1.081 = CHF 2'912.21
B kostet CHF 778.32 mehr.
Schritt 5: Nutzen abwägen. Was bekommt man für den Mehrpreis? Die höhere Auflösung von B bringt im Support wenig, weil Tickets und Fernwartungsfenster bei 27 Zoll mit 2560 × 1440 gut lesbar sind. Die 90 W Ladeleistung sind für die vorhandenen Notebooks nicht nötig. B braucht ausserdem mehr Strom.
Schritt 6: Empfehlung in drei Sätzen. «Ich empfehle Monitor A für die sechs Support-Arbeitsplätze, total CHF 2'133.89 inkl. MWST. Er erfüllt alle Muss-Kriterien, insbesondere das Laden der Notebooks über ein USB-C-Kabel. Monitor B kostet CHF 778.32 mehr, ohne dass das Team die höhere Auflösung braucht, und Monitor C scheidet aus, weil er die Notebooks nicht laden kann.»
Der Berufsbildner ist zufrieden: Die Empfehlung nennt das Produkt, den Betrag mit MWST-Angabe, den wichtigsten Grund und warum die anderen Varianten nicht gewählt wurden.
Ein Monitor kostet CHF 289 exkl. MWST. Wie viel kosten 8 Stück inkl. 8.1 % MWST? Runde auf Rappen.
Typische Fehler
- Mit dem Produkt anfangen statt mit dem Bedarf. Wer zuerst Prospekte durchblättert, übernimmt die Werbeargumente der Hersteller. Frag zuerst: Was brauchen die Benutzenden im Alltag?
- Ein Angebot trotz verfehltem Muss-Kriterium weiter mitbewerten. «Monitor C ist doch so günstig, vielleicht reicht ein separates Netzteil.» Wenn ein Muss-Kriterium aufgeweicht werden soll, muss das offen besprochen und begründet werden, nicht stillschweigend.
- Das Datenblatt nicht genau lesen. «USB-C» steht bei allen drei Monitoren. Entscheidend ist der Wert dahinter (Power Delivery in Watt). Lies technische Daten immer mit der Anforderung im Kopf.
- Mehr kaufen als nötig. Das teuerste Modell ist nicht automatisch das beste für den Zweck. Leistung, die niemand nutzt, ist bezahlt, aber nicht gebraucht.
- Die Empfehlung ohne Begründung abgeben. «Nehmt A» überzeugt niemanden. Nenne immer den Grund und warum die Alternativen nicht gewählt wurden.
Für die Empfangstheke einer Arztpraxis braucht es 2 Headsets. Muss-Kriterien: Teams-zertifiziert, USB-Anschluss. Beide Modelle erfüllen sie.
| Headset P | Headset Q | |
|---|---|---|
| Preis exkl. MWST | CHF 119 | CHF 189 |
| Geräuschunterdrückung am Mikrofon | nein | ja, aktiv |
Die Praxisleiterin sagt, dass Anrufende oft nachfragen, weil es am Empfang laut ist. Schreibe eine Empfehlung in drei Sätzen (mit Betrag inkl. MWST).
Erklärung
Eine gute Kurzempfehlung enthält Produkt, Betrag mit MWST-Angabe, den Hauptgrund und den Grund gegen die Alternative. «Q ist besser» ohne Bezug zum Bedarf überzeugt niemanden, und ein Betrag ohne MWST-Angabe ist nicht prüfbar.
Zusammenfassung
- Eine Evaluation ist ein systematischer, nachvollziehbarer Vergleich von Varianten mit dem Ziel einer begründeten Auswahl.
- ICT-Mittel müssen in die bestehende Umgebung passen, verursachen laufende Kosten und werden in einem Lebenszyklus von der Beschaffung bis zur Entsorgung betrachtet.
- Der Ablauf hat sechs Phasen: Anforderungen, Kriterienkatalog, Markt und Offerten, Bewerten, Testen, Empfehlung und Beschaffung.
- Muss-Kriterien schliessen aus, Kann-Kriterien werden gewichtet und mit Punkten bewertet. Halte die Zahl der Muss-Kriterien klein.
- Jeder Betrag braucht die Angabe inkl. oder exkl. MWST, Menge und Zeitraum. Die MWST beträgt 8.1 %, also Faktor 1.081.
- Eine gute Empfehlung nennt Produkt, Betrag, Hauptgrund und warum die Alternativen nicht gewählt wurden.