Lektion 1 von 8
Klassisch, agil oder hybrid: das Vorgehen begründet wählen
Du ordnest Teilvorhaben in der Stacey-Matrix ein, prüfst sie mit fünf Fragen, kennst die drei hybriden Muster und vertrittst deine Wahl mit einem konkreten Antrag vor einem Gremium.
Worum es geht
Ramon ist im 4. Lehrjahr bei der Pensionskasse Rigi in Zug, 95 Mitarbeitende, rund 14'000 Versicherte. Die Geschäftsleitung hat entschieden: Die Versicherten sollen ein Online-Portal bekommen, in dem sie ihren Vorsorgeausweis abrufen, einen Einkauf simulieren und Adressänderungen selbst erfassen können. Die Geschäftsführerin Claudia Arnold will dafür ein fixes Budget und einen Endtermin. Der externe Softwarepartner arbeitet aber in Scrum und sagt offen: «Was die Versicherten wirklich brauchen, wissen wir erst, wenn sie die ersten Seiten ausprobiert haben.»
In der ersten Sitzung fragt die Finanzchefin: «Was bekommen wir für das Geld, und wann ist es fertig?» Der Scrum Master des Partners antwortet: «Das entscheiden wir Sprint für Sprint.» Beide haben recht und reden aneinander vorbei.
Projektleiter Daniel Imhof bittet Ramon, eine Entscheidungsgrundlage vorzubereiten: Soll das Projekt klassisch, agil oder gemischt laufen? Ramon merkt schnell, dass die Frage falsch gestellt ist. Ein grosses Vorhaben besteht aus Teilvorhaben, und die haben ganz unterschiedliche Eigenschaften. Die bessere Frage lautet: Welcher Teil läuft wie, und wie steuern wir das Ganze? Genau das lernst du in dieser Lektion. Am Ende kannst du ein Vorhaben in der Stacey-Matrix einordnen, ein hybrides Vorgehen begründen und diese Wahl vor einem Gremium vertreten.
Die Stacey-Matrix: zwei Fragen an jedes Vorhaben
Stell dir zwei Kochaufträge vor. Im ersten kochst du für 40 Personen das Rezept deiner Grossmutter: Zutaten und Ablauf sind bekannt, du arbeitest einen Plan ab. Im zweiten erfindest du für ein neues Restaurant ein Menü, mit einem Dampfgarer, den noch niemand bedient hat: Du kochst kleine Portionen, lässt probieren und passt an.
Die Stacey-Matrix stellt genau diese zwei Fragen an ein Vorhaben:
- Wie klar und unbestritten sind die Anforderungen? Weiss man, was gebraucht wird, und sind sich die Beteiligten einig?
- Wie sicher ist die Technik? Hat man die Technologie schon oft eingesetzt, oder betritt man Neuland?
| Anforderungen klar | Anforderungen teilweise unklar | Anforderungen unklar | |
|---|---|---|---|
| Technik bekannt | einfach | kompliziert | komplex |
| Technik teilweise neu | kompliziert | komplex | komplex |
| Technik unbekannt | komplex | komplex | chaotisch |
Daraus leitet man eine Tendenz ab:
| Bereich | Was das bedeutet | Passendes Vorgehen |
|---|---|---|
| einfach | Lösung ist bekannt, man kann sie abarbeiten | klassisch mit Plan, oft sogar Standardprozess |
| kompliziert | Lösung ist mit Analyse und Fachwissen planbar | klassisch oder hybrid, gründliches Konzept lohnt sich |
| komplex | Ursache und Wirkung zeigen sich erst beim Ausprobieren | agil, kurze Zyklen mit Feedback |
| chaotisch | keine stabile Grundlage, zuerst stabilisieren | schnell handeln, kurze Schritte, danach neu einordnen |
Ein Detailhändler aktualisiert das Kassensystem in 40 Filialen auf die neue Version des bisherigen Herstellers. Die Funktionen bleiben gleich, die Techniker haben genau dieses Update bereits in zwei anderen Firmen eingespielt. Wo liegt das Vorhaben in der Stacey-Matrix?
Mehr als zwei Achsen: die Projektcharakteristik
Die Stacey-Matrix reicht für eine Empfehlung an die Geschäftsleitung nicht aus. Ein Vorhaben kann komplex sein und trotzdem harte Fixpunkte haben, etwa einen gesetzlichen Termin. Ramon prüft deshalb jedes Teilvorhaben mit fünf Fragen:
| Nr. | Frage | spricht eher für klassisch | spricht eher für agil |
|---|---|---|---|
| 1 | Wie klar sind die Anforderungen? | vollständig beschreibbar, z.B. durch Gesetz oder Reglement | entstehen erst durch Feedback der Nutzenden |
| 2 | Wie gross ist die technische Unsicherheit? | bewährte Technik, Erfahrung im Team | neue Plattform, unbekannte Schnittstellen |
| 3 | Gibt es feste Vorgaben von aussen? | Stichtag, Vertrag, Revision, Ausschreibung | wenige formale Vorgaben |
| 4 | Ist die Fachseite regelmässig verfügbar? | nur punktuell für Abnahmen | mehrere Stunden pro Woche für Reviews und Rückfragen |
| 5 | Lässt sich in nutzbaren Teilen liefern? | nur als Ganzes sinnvoll, z.B. eine Datenmigration | Teilfunktionen bringen schon Nutzen |
Frage 4 wird oft vergessen und ist trotzdem entscheidend: Ein agiles Vorgehen ohne verfügbare Fachseite ist wie ein Restaurant, in dem niemand probiert.
Was ist fix, was ist variabel?
Hinter der Wahl des Vorgehens steckt eine Grundsatzfrage: Welche Grösse hält man fest? Im klassischen Vorgehen ist der Umfang fix (Pflichtenheft), Termin und Kosten werden daraus geschätzt. Im agilen Vorgehen sind Termin und Kosten fix (Team und Anzahl Sprints), der Umfang wird nach Wert priorisiert und ist variabel.
Hybride Projekte scheitern oft genau hier: Die Geschäftsleitung erwartet fixen Umfang und fixe Kosten und einen fixen Termin, während das Team in Sprints arbeitet. Das geht nur, wenn genug Reserve eingeplant ist, und selbst dann ist es ein Versprechen auf Glück. Deine Aufgabe ist es, früh zu klären, welche der drei Grössen sich bewegen darf.
Ordne zu: Was wird in welchem Vorgehen festgelegt, was bleibt beweglich?
Drei hybride Muster
Hybrid heisst nicht «ein bisschen von allem». In der Praxis begegnen dir drei Muster:
| Muster | So funktioniert es | Typisches Beispiel |
|---|---|---|
| 1. Klassischer Rahmen, agile Umsetzung | Phasen und Freigaben steuern das Projekt, gebaut wird in Sprints | HERMES im agilen Vorgehen: Initialisierung klassisch, Umsetzung in Sprints, Einführung geplant |
| 2. Teilprojekte nebeneinander | einige Teilprojekte laufen klassisch, andere agil, verbunden über gemeinsame Meilensteine | Portal agil, Datenmigration und Schulung klassisch |
| 3. Nacheinander | eine Phase agil, die nächste klassisch oder umgekehrt | agiler Prototyp zur Klärung, danach klassischer Rollout in 30 Filialen |
Alle drei Muster sind legitim. Gefährlich wird es, wenn man die Nachteile beider Welten kombiniert. Das bekannteste Beispiel nennt man spöttisch Water-Scrum-Fall: Zuerst wird ein detailliertes Pflichtenheft geschrieben und eingefroren, dann wird in Sprints gebaut, und erst ganz am Schluss sehen die Nutzenden das Ergebnis in einem einzigen grossen Go-live. Die Sprints bringen dann nur Rituale, aber keinen Lerneffekt, weil weder der Umfang angepasst noch früh geliefert werden darf.
Das Anpassen einer Methode an ein konkretes Projekt nennt man Tailoring. HERMES verlangt ausdrücklich, dass du das Vorgehen bewusst wählst und begründest. Tailoring heisst auch: Für ein kleines Teilvorhaben brauchst du nicht jedes Dokument, für ein riskantes vielleicht zusätzliche Prüfpunkte.
Woran erkennst du Water-Scrum-Fall? Wähle alle zutreffenden.
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Die Wahl vor einem Gremium vertreten
Eine Geschäftsleitung entscheidet nicht über Methoden, sondern über Geld, Risiken und Termine. Ramons Folie muss deshalb diese Fragen beantworten, nicht «Scrum ist moderner». Ein bewährter Aufbau:
- Ausgangslage: Was soll erreicht werden, was ist fix vorgegeben?
- Einordnung: Teilvorhaben in der Stacey-Matrix mit kurzer Begründung
- Vorgehen pro Teil: klassisch, agil oder hybrid
- Steuerung: Was bleibt fix, was ist variabel, wann entscheidet das Gremium?
- Risiken: die zwei bis drei grössten Risiken des gewählten Vorgehens mit Massnahme
- Antrag: Welchen Entscheid braucht es heute?
Schritt für Schritt: Ramon ordnet das Portalprojekt ein
Schritt 1: Teilvorhaben auflisten. Ramon zerlegt das Projekt in fünf Teile: Portal-Oberfläche, Berechnungslogik für den Einkaufsrechner, Datenmigration der Versichertendaten, Anbindung an die bestehende Vorsorgeverwaltung, Einführung mit Kommunikation und Schulung.
Schritt 2: Jedes Teil in der Stacey-Matrix einordnen.
| Teilvorhaben | Anforderungen | Technik | Bereich |
|---|---|---|---|
| Portal-Oberfläche | unklar: Was nutzen Versicherte wirklich? | teilweise neu (neues Framework beim Partner) | komplex |
| Berechnung Einkaufsrechner | klar: Reglement und Gesetz geben die Formeln vor | bekannt (gleiche Logik wie in der Verwaltungssoftware) | einfach |
| Datenmigration | klar: Felder und Regeln sind bekannt | bekannt | einfach bis kompliziert |
| Anbindung Vorsorgeverwaltung | weitgehend klar | teilweise neu: Schnittstelle des Herstellers noch nie genutzt | kompliziert |
| Einführung | klar: Termine, Briefe, Schulung | bekannt | einfach |
Schritt 3: Die fünf Fragen ergänzen. Für die Portal-Oberfläche ist die Fachseite verfügbar (Versichertenservice mit Key Users), und die Lieferung in Teilen bringt Nutzen: Schon der Vorsorgeausweis allein spart Telefonanrufe. Für die Migration gilt: nur als Ganzes sinnvoll, Stichtag fix. Die Berechnung muss revisionssicher getestet werden.
Schritt 4: Vorgehen ableiten.
| Teilvorhaben | Vorgehen | Steuerung |
|---|---|---|
| Portal-Oberfläche | agil, Scrum mit zweiwöchigen Sprints | Budget und Releasetermine fix, Umfang priorisiert |
| Berechnung Einkaufsrechner | klassisch spezifiziert, Umsetzung im Sprint, Abnahme mit vorab definierten Testfällen | Umfang fix, Testfälle aus dem Reglement |
| Datenmigration | klassisch mit Plan und Probeläufen | Termin fix, Umfang fix |
| Anbindung Vorsorgeverwaltung | klassisch geplant, früher technischer Durchstich im ersten Sprint | Meilenstein «Schnittstelle getestet» |
| Einführung | klassisch geplant | Termine fix |
Schritt 5: Gesamtsteuerung festlegen. Weil die Geschäftsleitung in Phasen und Freigaben denkt und die Pensionskasse HERMES nutzt, empfiehlt Ramon Muster 1 kombiniert mit Muster 2: HERMES im agilen Vorgehen als Rahmen, das Portal in Sprints, die Migration und die Einführung als klassisch geplante Teilprojekte, verbunden über gemeinsame Meilensteine.
Schritt 6: Antrag formulieren. Ramons Kernsatz auf der Folie lautet: «Wir steuern das Projekt über drei Releases mit fixem Budget pro Release. Die Geschäftsleitung entscheidet nach jedem Release, ob es weitergeht. Was im Portal zuerst gebaut wird, entscheidet die Product Ownerin nach Nutzen für die Versicherten. Gesetzlich vorgegebene Berechnungen werden vorab spezifiziert und mit festen Testfällen abgenommen.»
Ein regionales Spital plant das Projekt Online-Terminbuchung und Patientenportal. Bekannt ist:
- Die Anbindung an das Klinikinformationssystem ist heikel, der Hersteller liefert aber eine dokumentierte Schnittstelle.
- Die Ansicht für Patientinnen und Patienten soll mit echten Nutzenden getestet werden, was sie brauchen, ist noch offen.
- Die Einführung muss vor dem 1. Oktober abgeschlossen sein, weil dann die Grippeimpfungen gebucht werden.
- Das Budget ist vom Verwaltungsrat fix bewilligt.
Formuliere in sechs bis zehn Sätzen deine Empfehlung zum Vorgehen so, wie du sie der Geschäftsleitung vortragen würdest. Schliesse mit einem konkreten Antrag.
Erklärung
Ein Gremium entscheidet über Geld, Termine und Risiken. Eine überzeugende Empfehlung ordnet die Teilvorhaben einzeln ein, sagt klar, welche Grösse variabel ist, nennt Risiken mit Massnahmen und schliesst mit einem Antrag, über den man abstimmen kann. «Agil ist moderner» oder eine Empfehlung ohne Antrag führt meist zu einer zweiten Sitzung ohne Entscheid.
Typische Fehler
- Das ganze Projekt pauschal einordnen. «Unser Projekt ist komplex, also agil» übersieht die Datenmigration mit fixem Stichtag. Ordne Teilvorhaben einzeln ein.
- Mit Vorliebe statt mit Merkmalen argumentieren. «Agil ist moderner» überzeugt keine Finanzchefin. Begründe mit Anforderungsklarheit, Technik, Vorgaben, Verfügbarkeit der Fachseite und Lieferbarkeit in Teilen.
- Alle drei Grössen fix versprechen. Fixer Umfang, fixe Kosten und fixer Termin bei unklaren Anforderungen ist ein Versprechen, das niemand halten kann. Kläre, welche Grösse variabel ist.
- Water-Scrum-Fall bauen. Sprints ohne Umfangsanpassung und ohne frühe Lieferung bringen den Aufwand von Scrum ohne den Nutzen.
- Die Verfügbarkeit der Fachseite nicht prüfen. Ohne Product Owner mit Zeit und Entscheidungskompetenz fehlt dem agilen Teil das Wichtigste: Feedback.
Zusammenfassung
- Die Stacey-Matrix ordnet Vorhaben nach Klarheit der Anforderungen und Sicherheit der Technik in einfach, kompliziert, komplex und chaotisch ein.
- Für eine Empfehlung prüfst du zusätzlich feste Vorgaben, Verfügbarkeit der Fachseite und Lieferbarkeit in Teilen.
- Klassisch hält den Umfang fix, agil hält Termin und Kosten fix. Kläre im hybriden Projekt, welche Grösse variabel ist.
- Es gibt drei hybride Muster: klassischer Rahmen mit agiler Umsetzung, Teilprojekte nebeneinander und Vorgehen nacheinander.
- Water-Scrum-Fall kombiniert die Nachteile beider Welten und ist zu vermeiden.
- Vor dem Gremium argumentierst du mit Geld, Risiken, Terminen und einem konkreten Antrag.
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Teilvorhaben einordnen üben, nur mit Hinweisen Chat-KI
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