Lektion 1 von 9
Ideen erzeugen: von der Frage zu vielen Ideen
Du formulierst eine gute «Wie könnten wir ...?»-Frage, erzeugst mit Brainwriting 6-3-5 und SCAMPER viele unterschiedliche Ideen und hältst die Favoriten in Steckbriefen fest, die sich später bewerten lassen.
Worum es geht
Eine App für ein KMU kostet schnell CHF 50'000, eine Plattform mit Partneranbindung auch das Doppelte. Trotzdem werden viele digitale Angebote gebaut, ohne dass jemand vorher ernsthaft geprüft hat, ob Kundinnen und Kunden sie wollen und ob sie sich je rechnen. Die Folge kennst du vielleicht aus deinem Betrieb: ein Kundenportal, das kaum jemand nutzt, oder ein Onlineshop, der jeden Monat Geld kostet.
Das Problem ist selten, dass es zu wenig Ideen gibt. Das Problem ist, dass die erste Idee sofort umgesetzt wird. Wer früh nur eine Idee im Kopf hat, verteidigt sie, statt sie zu prüfen.
In diesem Kurs lernst du, Ideen für digitale Geschäftsmodelle so zu evaluieren, dass am Ende ein begründeter Entscheid steht. Diese erste Lektion legt das Fundament: Du lernst, eine gute Fragestellung zu formulieren, in kurzer Zeit viele unterschiedliche Ideen zu erzeugen und sie so festzuhalten, dass du sie später bewerten kannst. Du begleitest dabei eine Käserei im Emmental, die mit etwas Digitalem neue Kundschaft gewinnen will.
Der Evaluationstrichter: dein Weg durch diesen Kurs
Stell dir einen Trichter vor. Oben kommen viele Ideen hinein, unten kommt eine geprüfte Empfehlung heraus. Dazwischen liegen Filter, und jeder Filter beantwortet eine andere Frage.
Die drei Fragen, die sich durch alle Filter ziehen, wirst du immer wieder antreffen:
| Perspektive | Frage | Englischer Fachbegriff |
|---|---|---|
| Wünschbarkeit | Wollen Kundinnen und Kunden das wirklich? | Desirability |
| Machbarkeit | Können wir das mit unseren Mitteln umsetzen? | Feasibility |
| Wirtschaftlichkeit | Rechnet es sich, und für wen? | Viability |
Eine Idee ist erst dann gut, wenn sie alle drei Fragen besteht. In dieser Lektion geht es um den obersten Teil des Trichters. Hier gilt eine einfache Regel: Erst viele Ideen, dann bewerten. Wer beides gleichzeitig tut, bekommt wenige und brave Ideen.
Die richtige Frage: «Wie könnten wir ...?»
Bevor du Ideen sammelst, brauchst du eine Frage, auf die alle hinarbeiten. Bewährt hat sich die How-Might-We-Frage, auf Deutsch «Wie könnten wir ...?». Sie hat drei Vorteile: «Wie» lädt zu Lösungen ein, «könnten» erlaubt auch ungewohnte Ideen, und «wir» macht klar, dass das Team handelt.
Die Kunst liegt in der richtigen Breite. Eine zu enge Frage enthält schon die Lösung, eine zu breite gibt keine Richtung.
| Frage für die Käserei | Beurteilung |
|---|---|
| «Wie könnten wir eine Käse-App bauen?» | Zu eng: Die Lösung (App) steht schon fest, Alternativen fallen weg. |
| «Wie könnten wir erfolgreicher werden?» | Zu breit: Alles und nichts passt, die Gruppe weiss nicht, wo anfangen. |
| «Wie könnten wir Käseliebhaber in der ganzen Schweiz direkt erreichen?» | Gut: Zielgruppe und Ziel sind klar, die Lösung ist offen. |
Eine gute Frage enthält meistens eine Zielgruppe (Käseliebhaber, Familien, KMU), ein gewünschtes Ergebnis (direkt erreichen, im Sommer kommen, schneller melden) und keine Technologie. Wenn du merkst, dass in deiner Frage «App», «Plattform» oder «KI» steht, streich das Wort und frag dich, welches Ziel dahinter steckt.
Ein unabhängiges Fitnesscenter in Olten verliert Mitglieder an günstige Ketten und Home-Workout-Apps. Welche «Wie könnten wir ...?»-Frage eignet sich am besten als Start für eine Ideenrunde?
Viele Ideen erzeugen: zwei Methoden, die funktionieren
Brainwriting 6-3-5
Beim klassischen Brainstorming reden die Lauten, und die Leisen schweigen. Beim Brainwriting 6-3-5 schreiben alle gleichzeitig: 6 Personen notieren je 3 Ideen in 5 Minuten auf ein Blatt. Dann gibt jede Person ihr Blatt weiter und ergänzt auf dem nächsten Blatt drei weitere Ideen, gerne aufbauend auf dem, was schon dort steht. Nach sechs Runden ist jedes Blatt voll.
Die Rechnung für das Maximum: 6 Blätter × 6 Runden × 3 Ideen = 108 Ideen in 30 Minuten. In der Praxis sind es weniger, weil es Doppelungen gibt. Trotzdem: 40 bis 60 brauchbare Ideen in einer halben Stunde sind realistisch. Die Methode klappt auch online in einer geteilten Tabelle mit einer Spalte pro Person.
SCAMPER für Geschäftsmodelle
Wenn eine Gruppe ins Stocken gerät, hilft eine Checkliste. SCAMPER steht für sieben Denkrichtungen. Für digitale Geschäftsmodelle stellst du die Fragen nicht nur zum Produkt, sondern auch dazu, wer zahlt, wofür und wann.
| Buchstabe | Denkrichtung | Frage | Idee für die Käserei |
|---|---|---|---|
| S | Ersetzen (Substitute) | Was ersetzen wir? | Detailhändler ersetzen durch Direktversand |
| C | Kombinieren (Combine) | Was verbinden wir? | Käse plus passender Wein von einem Weingut im Tal |
| A | Anpassen (Adapt) | Was übernehmen wir aus einer anderen Branche? | Monatliche Überraschungsbox wie bei Kaffee-Abos |
| M | Verändern (Modify) | Was machen wir grösser, kleiner, anders? | Mini-Portionen zum Probieren statt ganzer Laibe |
| P | Anders nutzen (Put to other use) | Wofür nutzen wir Vorhandenes noch? | Reifekeller als Ort für Firmenanlässe |
| E | Weglassen (Eliminate) | Was lassen wir weg? | Laden weglassen: Automat am Bahnhof |
| R | Umkehren (Reverse) | Was drehen wir um? | Kundschaft kauft einen Laib, bevor er reif ist (Patenschaft) |
Beachte die Spalte «Anpassen»: Ideen aus anderen Branchen zu übernehmen ist eine der stärksten Quellen für neue Geschäftsmodelle. In der nächsten Lektion lernst du dafür eine ganze Sammlung bewährter Muster kennen.
Beim Brainwriting 6-3-5 schreiben 6 Personen je 3 Ideen pro Runde, eine Runde dauert 5 Minuten, und die Blätter werden weitergegeben, bis jede Person auf jedem Blatt einmal geschrieben hat. Wie viele Ideen entstehen höchstens?
Das Fitnesscenter in Olten nutzt SCAMPER. Ordne jeder Denkrichtung die passende Idee zu.
Ideen so festhalten, dass man sie bewerten kann
Nach der Ideenphase hängen 40 Post-its an der Wand: «Abo», «Automat», «Kurs online». Wer diese Zettel eine Woche später bewerten soll, weiss oft nicht mehr, was genau gemeint war. Deshalb machst du aus jeder Idee, die in die engere Wahl kommt, einen kurzen Ideensteckbrief:
Idee: Käse-Abo mit monatlicher Überraschungsbox
Für wen: Genussorientierte Haushalte in der Deutschschweiz
Problem/Wunsch: Guten Spezialkäse entdecken, ohne in die Käserei zu fahren
Wie verdient: Fester Monatspreis, monatlich kündbar
Muster: Abo
Grösste Unsicherheit: Bleiben die Leute länger als drei Monate?Sechs Zeilen reichen. Die letzte Zeile ist die wichtigste, denn sie zeigt dir schon jetzt, was du später testen musst.
Erste Auswahl: konvergieren
Um von 40 auf 3 bis 5 Ideen zu kommen, brauchst du noch keine Nutzwertanalyse. Diese einfachen Schritte genügen:
- Clustern: Ähnliche Ideen zusammenhängen und Doppelungen entfernen.
- Punkte kleben (Dot-Voting): Jede Person erhält drei Punkte und verteilt sie auf die Ideen, die sie am vielversprechendsten findet.
- Bewusst eine mutige Idee mitnehmen: Mindestens eine der Favoriten soll sich deutlich vom bisherigen Geschäft unterscheiden. Sonst vergleichst du am Schluss nur Varianten derselben Idee.
Schritt für Schritt: 22 Ideen für die Käserei in 45 Minuten
Die Käserei im Emmental verkauft über Detailhändler und einen Hofladen. Der Umsatz stagniert. Die junge Generation will etwas Digitales ausprobieren und hat 45 Minuten mit fünf Personen eingeplant.
Schritt 1: Frage formulieren (5 Minuten). Drei Varianten stehen zur Wahl: «Wie könnten wir einen Onlineshop aufbauen?» (zu eng), «Wie könnten wir mehr verkaufen?» (zu breit), «Wie könnten wir Käseliebhaber in der ganzen Schweiz direkt erreichen?». Die Gruppe wählt die dritte.
Schritt 2: Spielregeln an die Wand (2 Minuten). Menge vor Qualität, keine Kritik, auf Ideen anderer aufbauen, wilde Ideen erlaubt.
Schritt 3: Brainwriting (20 Minuten). Mit fünf Personen und vier Runden zu je fünf Minuten wären theoretisch 5 × 4 × 3 = 60 Ideen möglich. Nach dem Entfernen der Doppelungen bleiben 16.
Schritt 4: SCAMPER als Anstoss (8 Minuten). Die Gruppe geht die sieben Buchstaben durch und ergänzt 6 neue Ideen, darunter die Patenschaft (Umkehren) und den Automaten (Weglassen). Total: 22 Ideen.
Schritt 5: Clustern (4 Minuten). Es entstehen fünf Gruppen: Direktverkauf, Erlebnisse, Firmenkunden, Personalisierung, Self-Service.
Schritt 6: Dot-Voting (3 Minuten). Jede Person klebt drei Punkte. Danach wählt die Gruppe pro Cluster die stärkste Idee:
| Cluster | Favorit | Punkte |
|---|---|---|
| Direktverkauf | Käse-Abo mit monatlicher Überraschungsbox | 5 |
| Firmenkunden | Firmengeschenke-Shop für KMU | 3 |
| Personalisierung | Patenschaft für einen Laib mit Reifungs-Updates | 3 |
| Erlebnisse | Online-Degustationskurse | 2 |
| Self-Service | Käse-Automat am Bahnhof mit App-Bezahlung | 2 |
Schritt 7: Steckbriefe schreiben (3 Minuten pro Idee, als Hausaufgabe). Für jede der fünf Ideen entsteht ein Steckbrief mit der grössten Unsicherheit. Beim Abo ist es die Frage, wie lange die Kundschaft bleibt. Beim Automaten ist es der Standort.
Damit ist der oberste Teil des Trichters geschafft. Die Käserei hat nicht eine Idee, sondern fünf unterschiedliche, und jede hat einen Steckbrief, mit dem man weiterarbeiten kann.
Bring die Schritte einer Ideenrunde in die richtige Reihenfolge.
- 1
Spielregeln festlegen (Menge vor Qualität, keine Kritik)
- 2
Für jeden Favoriten einen Steckbrief schreiben
- 3
«Wie könnten wir ...?»-Frage formulieren und abstimmen
- 4
Mit Dot-Voting Favoriten wählen
- 5
Ideen clustern und Doppelungen entfernen
- 6
Mit SCAMPER oder Geschäftsmodell-Mustern ergänzen
- 7
Still Ideen sammeln mit Brainwriting
Typische Fehler
- Mit der Lösung starten. «Wie könnten wir eine App bauen?» schliesst alle Ideen ohne App aus. Formuliere das Ziel, nicht das Werkzeug.
- Während des Sammelns bewerten. Ein einziges «Das haben wir schon probiert» reicht, und die Gruppe wird vorsichtig. Bewertet wird erst nach der Ideenphase.
- Nur Rabatte und Aktionen. Viele Gruppen landen bei «20 % günstiger» oder «Gratis-Kaffee». Das sind Marketingmassnahmen, keine neuen Geschäftsmodelle. Frag gezielt nach anderen Wegen, Geld zu verdienen (nächste Lektion).
- Nur eine Idee weiterverfolgen. Wer nur den Favoriten mitnimmt, kann später nichts vergleichen. Nimm drei bis fünf Ideen in die engere Wahl.
- Post-its ohne Steckbrief. Eine Woche später weiss niemand mehr, was «Kurs online» genau bedeutet. Halte Zielgruppe, Ertragslogik und grösste Unsicherheit fest.
Zusammenfassung
- Ideen werden in einem Trichter evaluiert: viele Ideen, dann Kundensicht, Szenarien, Bewertung, Zahlen, Tests und Entscheid.
- Jede Idee muss drei Fragen bestehen: Wünschbarkeit, Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit.
- Eine gute «Wie könnten wir ...?»-Frage nennt Zielgruppe und Ziel, aber keine Technologie.
- Divergieren und Konvergieren werden getrennt: erst sammeln, dann auswählen.
- Brainwriting 6-3-5 liefert theoretisch bis zu 108 Ideen in 30 Minuten, SCAMPER hilft, wenn die Gruppe stockt.
- Jede Idee in der engeren Wahl erhält einen Steckbrief mit Zielgruppe, Ertragslogik und grösster Unsicherheit.